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Kategorie: MEGATRENDS!-Kolumne

Grün ist die Zukunft

Von neuen Berufsfeldern bis zu Fast Food, das nicht nur billig, sondern auch gesund ist: Drei Beispiele, die zeigen, dass der Wandel zu einer nachhaltigen Zukunft in vollem Gange ist

Zukunftsberuf Stadtgärtner

Ganz gleich, ob wir es Urban Farming nennen oder konkreter Vertical Farming im Auge haben – in Zukunft wird „Urban Farmer“ zu den zehn Berufen mit Zukunft gehören. Das hat die Zeitschrift „Fast Company“ im Dialog mit drei amerikanischen Zukunftsexperten herausgearbeitet. Städte werden immer wichtiger, immer mehr Menschen werden künftig in Metropolen leben, immer mehr Wachstum und Arbeitsplätze werden in den großen Städten dieser Welt beheimatet sein. Das erhebt die Frage, ob in Zukunft nicht auch immer mehr Nahrungsmittel in den Städten direkt produziert werden. Landwirtschaftsexperten, die künftig in den Metropolen Obst und Gemüse anbauen, werden neben »End Of Life«-Planern, den »Virtual Reality Experience Designern« und den »Neuro-Implantat-Technikern« zu den Mitarbeitern der Zukunft gehören.

Fußgängerfreundlichkeit avanciert zum Standort-Kriterium

Dass die Zeiten des Einkaufens auf der grünen Wiese vorbei sind, zeichnet sich in Deutschland, aber auch in Nordamerika schon länger ab. Gleichzeitig sehnen sich viele auch nach autofreien Zonen und wieder mehr Ruhe beim Shoppen und Wohnen. Eine aktuelle Studie des »Center for Real Estate and Urban Analysis« belegt das jetzt mit interessanten Zahlen: Die fußgängerfreundlichsten Zonen der US-Städte (darunter New York City, Washington, D. C., Boston, Chicago, San Francisco und Seattle) gehören mittlerweile auch zu den bevorzugten Standorten für Unternehmen. Gegenüber suburbanen und autofreundlichen Gebieten nahmen die Vermietungen in den fußgängerfreundlichen Stadtteilen bei Vermietungen (Business und Handel) um 74 Prozent zu. Darüber hinaus konnte die Studie belegen, dass die fußgängerfreundlichsten Stadtareale signifikant mehr Menschen unter 25 Jahren mit höherer Schulbildung anziehen als andere Stadtteile. Einen Hauptgrund für die neue Attraktivität der Innenstädte und fußgängerfreundlichen Zonen sehen die Forscher naheliegenderweise in der Revitalisierung der Innenstädte, aber auch in ersten Ergebnissen einer geglückten Urbanisierung der suburbanen Regionen.

»Affordable fast casual« – Billig und gesund aus dem Hause Musk

Kann Fast Food gesund und nachhaltig sein? Eine seit Jahren umstrittene Frage, über der schon Freundschaften in die Brüche gingen. Die neueste Lösung kommt ausnahmsweise nicht von Techno-Guru und Tesla-Gründer Elon Musk, sondern von Kimbal Musk, seinem Bruder. Kimbal hat vor Jahren das Silicon Valley verlassen, um vor allem Kindern und jungen Menschen das Erlebnis von »Real Food«, wie Musk es selbst nennt, zu ermöglichen. Sein Restaurantkonzept heißt »The Kitchen« und versucht sich (ganz in der Tradition seines großen Bruders) an der kulinarischen Quadratur des Kreises: Gesund soll das Essen sein und überdies bezahlbar. Die Gerichte, die »The Kitchenette« anbietet, sollen allesamt weniger als fünf US-Dollar kosten. Kimbal Musk ist nicht der Erste, der sich an einem »Affordable fast casual«-Ansatz vesucht. Vorbilder sind Daniel Patterson LocoL (Oakland und Los Angeles) und José Andrés’ vegetarische Beefsteak-Kette (vier Filialen an der Ostküste der USA).

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Wie eine Materialinnovation (nicht nur) die Textilbranche verändert

Megatrends KolumneDie Erfindung des Nylon war eine der letzten wirklich großen Innovationen in der Textilbranche. Das ist bald 100 Jahre her. Mit Spider Silk (deutsch: Spinnenseide) befindet sich nun eine neue bahnbrechende Entwicklung vor dem Durchbruch. Nach jahrelangen Forschungen stehen Unternehmen jetzt kurz davor, das enorme Potenzial dieser Materialentdeckung gewinnbringend auszuschöpfen

Spider Silk ist beileibe keine neue Entdeckung. Neu sind aber die Fortschritte, die einige Unternehmen gemacht haben. Seit Jahren wird geforscht und experimentiert, ob und wie es gelingen kann, das innovative Supermaterial aus der Natur synthetisch im Labor herzustellen, um es industriell einzusetzen und große Teile der Wirtschaft an den vielen Vorteilen teilhaben zu lassen. Spider Silk ist dünner als Menschhaar, sehr leicht, aber robuster als Stahl und elastischer als Gummi. Die Einsatzmöglichkeiten, die sich daraus ergeben, sind vielfältig: von der Automobilbranche über den medizinischen Bereich und der Kosmetikindustrie bis hin zur Outdoorausrüstung.

Bolt Threads: „Überwältigende“ Outdoorausrüstung

Dem Start-up Bolt Threads aus Kalifornien ist es gelungen, ein solches synthetisches Verfahren auf Basis von Hefe, Wasser und Zucker zu entwickeln, um Spider Silk so herzustellen, dass es dem Vorbild aus der Natur in der molekularen Zusammensetzung gleicht. Das hat einige große Unternehmen überzeugt: Vor kurzem gab das Start-up die Partnerschaft mit dem Outdoorausrüster Patagonia bekannt. Im Rahmen dessen wurde auch mitgeteilt, dass Bolt Threads gerade eine weitere Investitionsrunde abgeschlossen hat, in der 50 Millionen US-Dollar eingesammelt werden konnten. An welchen Innovationen Patagonia und Bolt Threads künftig arbeiten werden, blieb noch im Geheimen. Matt Dwyer, verantwortlich für die Material Innovationen bei Patagonia, verriet nur, dass es etwas „Überwältigendes“ sein werde. Auch die US-Armee zeigt bereits Interesse an der Spider Silk von Bolt Threads, weil das Material leichter, stabiler und weniger hitzeempfindlich ist als Nylon, das bislang für die Ausrüstung der Soldaten verwendet wird. Ein weiterer entscheidender Vorteil der synthetischen Spinnenseide: Es ist, anders als die Materialien, zu deren Herstellung Erdöl eingesetzt wird, nachhaltig und biologisch abbaubar.

Spiber: North-Face-Parka aus Spinnenseide

In Japan setzt das Unternehmen Spiber bei der Herstellung der synthetischen Spinnenseide auf ein anderes Verfahren als Bolt Threads und konnte damit bereits erste sichtbare Ergebnisse präsentieren: Gemeinsam mit der japanischen Sportmarke Goldwin soll noch in diesem Jahr der erste Parka aus Spinnenseide auf dem Markt kommen. Der „Moon Parka“ wird unter der weltbekannten Marke The North Face zunächst in limitierter Auflage vertrieben werden. Spiber arbeitet bereits an weiteren massenmarkttauglichen Entwicklungen, auch im Bereich der Automobilität und der Medizintechnik.

AMSilk: Textilen, Körperpflege und Brustimplantate

Auch das in München ansässige Start-up AMSilk hat sich auf die Produktion von synthetischer Spinnenseide spezialisiert. Als Spin-off aus der TU München gegründet hat AMSilk ein technisches Verfahren entwickelt, mit dem sich die Seidenproteine als Pulver und Faser für verschiedene Märkte und Branchen herstellen lassen. Anwendung findet die Spinnenseide des Unternehmens bereits in der Medizintechnik, in der Textilindustrie sowie als Inhaltsstoff für Körperpflegeprodukte. Mitte Juli dieses Jahres gab AMSilk bekannt, von Investoren eine weitere Kapitalspritze erhalten zu haben, um in diesen Feldern weiter Fortschritte machen zu können – vor allem in der Medizintechnik. Voraussichtlich im kommenden Jahr möchte AMSilk mit seidenbeschichteten und sehr gut verträglichen Brustimplantaten auf den Markt kommen, an deren Entwicklung man derzeit gemeinsam mit einem führenden europäischen Hersteller arbeitet.

Etwa zwei von drei innovativen Produkten gehen auf Fortschritte in der Materialentwicklung zurück. Neue Materialien können eine enorme Auswirkung auf die Wirtschaft haben. Die Europäische Kommission kommt in einer Untersuchung zu der Prognose, dass das weltweite Marktvolumen durch Materialentwicklungen bis zum Jahr 2030 auf 230 Milliarden US-Dollar ansteigen wird.

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Warum der nächste Schritt zu einer besseren Welt aus den Schwellenländern kommen könnte

Megatrends KolumneKeine Woche mehr ohne Terror, Drohungen und Umsturzversuche. Plötzlich geht es nicht mehr um die Disruption von Geschäftsmodellen, sondern um die Disruption unserer kompletten Weltordnung. Was immer klarer wird: Wir leben in einer multipolaren Welt; die Ära des Mauerfalls geht zu Ende. Diese neue Epoche wird gekennzeichnet sein durch politische und ökonomische Unbeständigkeit, neue Allianzen, beschleunigte Transformationsprozesse, aber auch große Chancen und Hoffnung. Länder wie Indonesien und Ruanda stehen beispielhaft für zukünftige Verheißungen. Treiber dieses Wandels zum Besseren sind vor allem auch: die Frauen

Ein zentrales Argument bei dem Versuch, unsere momentane Krise zu begründen, besteht darin, dass sich Kapitalismus und westliches Demokratiemodell entkoppelt haben. Das Zusammenspiel von sozialer Marktwirtschaft und parlamentarischer Demokratie (der Wohlstandsfaktor für das Nachkriegseuropa) wird in unserer multipolaren Weltordnung ganz offenbar nicht mehr als alternativloses Erfolgsmodell für eine gute Zukunft wahrgenommen. Das hat dazu geführt, dass Länder mit fundamentalen Strukturkrisen wie Russland (Monokultur fossiler Energien), auch die Türkei und kriselnde Industrieländer wie Großbritannien, Frankreich und Italien mehr oder weniger aggressiv gegen die »Etablierten« (Deutschland, Nordamerika) vorgehen, Desinformationspolitiken starten, dem Populismus und nationalen Anachronismen huldigen.

Dabei gibt es eine ganze Reihe an ermutigenden Beispielen aus anderen Teilen dieser Welt, die zeigen, dass radikale Transformationen auf Basis von Megatrend-Wissen in die Tat umgesetzt werden können:

Indonesien: 240-Millionen-Einwohner-Land digitalisiert sich

Wir haben uns in der MEGATRENDS! Juni 2016 vor einigen Wochen zum Beispiel mit Indonesien beschäftigt. Das viertgrößte Land der Erde mit über 237 Millionen Einwohnern birgt gigantische Potenziale. Ja, das stark vom Islam geprägte Land hat erkannt, dass der Megatrend »Digitalisierung« für Indonesien ein entscheidender Türöffner in eine gute Zukunft ist. Es hat auch längst kapiert, dass mithilfe des digitalen Aufbruchs der Mobilitätsmarkt völlig neu entwickelt werden muss. Deswegen lernen die Tekkies in Jakarta (etwa 18,2 Millionen Einwohner), Bandung (ca. 3 Millionen Einwohner), Medan (2 Millionen Einwohner) oder auf einer der insgesamt über 17 000 Inseln des Landes gerade mit Siebenmeilenstiefeln von Unternehmen wie Google und Uber. Sie lernen auch von Amazon, eBay und Co. Dabei gibt es in Indonesien natürlich keine wirkliche Investorenszene. Die Unternehmensgründer müssen von Anfang an Geld verdienen, ansonsten können sie keine Mitarbeiter beschäftigen. Trotzdem ist in den vergangenen fünf Jahren eine Start-up-Gemeinde entstanden, die ihre Schwerpunkte im Gaming und im E-Commerce hat. Indonesien ist eine autoritär geführte Demokratie, die definitiv nicht dem altkapitalistischen Wohlstandsmodell des 20. Jahrhunderts entspricht.

»Girl Geeks« – nicht nur in der Wirtschaft

Aber das Land hat auch demografische Trends erkannt und daraus unter anderem den Schluss gezogen, dass die Frauen in den kommenden Jahren ein entscheidender Produktivitätsfaktor sein werden. In dem Inselstaat ist mit Ojek Syar’i der wohl weltweit erste Moped-Taxi-Service ausschließlich für Frauen entstanden.
In Indonesien und nicht im Silicon Valley oder Berlin ist der Begriff der »Girl Geeks« geprägt worden. Dass Indonesien indes nicht nur auf die »Produktivkraft Frau« setzt, sondern diese nachhaltig an Modernisierungsprozessen beteiligen möchte, lässt sich daran ablesen, dass vor Kurzem gesetzlich festgelegt wurde, dass die Amtsinhaber jeder Partei mindestens zu 30 Prozent Frauen sein müssen.

Ruanda: Glasfaser und Frauenpolitik

Vom gigantisch großen Indonesien ins verschwindend kleine Ruanda. Die Geschwindigkeit, mit der dieses von Rassenkonflikten gequälte Land (über 800 000 Menschen starben bei dem Genozid im Jahr 1994) eine Vision für die Zukunft entwickelt hat, ist atemberaubend . Auch hier spielt die Digitalisierung eine Schlüsselrolle. Zwischen allen 30 Regionen liegen mittlerweile mehr als 1000 Kilometer Glasfaserkabel. In den vergangenen 15 Jahren ist (anders als in allen westlichen Industrienationen) die soziale Ungleichheit in dem Schwellenland zurückgegangen.

Und auch in Ruanda war neben dem technologischen Aufbruch vor allem die Gleichstellung der Geschlechter der Schlüssel zum Erfolg. Eine wichtige Maßnahme bestand darin, Frauen das Recht einzuräumen, gleichberechtigt mit ihren Männern als Landbesitzer im Kataster eingetragen zu sein. Schnell wurden 20 Prozent mehr Frauen als Landbesitzerinnen vermerkt, was ihren rechtlichen Status änderte und dazu führte, dass 20 Prozent weniger Frauen in Armut leben müssen. Ruanda hat – verglichen mit der westlichen Welt – ungleich mehr Frauen in unternehmerischer und regierungsamtlicher Verantwortung. Und der ehemalige Krisenstaat ist wohl weltweit die erste Nation, in der mehr Frauen als Männer im Parlament sitzen.

Leapfrogging im 21. Jahrhundert

Vergleiche hinken immer. Aber aus den beiden Beispielen geht hervor, dass der Blick auf demografische und technologische Trends dazu beitragen kann, komplexe Transformationsschritte in Wirtschaft und Gesellschaft erfolgreich zu meistern. In Indonesien wie auch in Ruanda zeigt sich, dass Megatrends mit Wucht aufeinandertreffen, sich gegenseitig verstärken und Antworten verlangen. Weder reicht es aus, mit blindem Vertrauen auf neue Technologien zu setzen. Noch hilft es weiter, Entwicklungen wie die Gleichstellung der Frauen wortreich zu fordern (oder gar als umgesetzt zu verkünden). Indonesien und Ruanda sind gute Beispiele dafür, dass die konsequente Arbeit an Trends dazu führen kann, dass tatsächlich so etwas wie das sogenannte Leapfrogging möglich ist, dass also bestimmte Zwischenstufen einer Entwicklung einfach übersprungen werden können. Beide Länder sind hervorragende Zeugnisse dafür, dass in der Ökonomie des 21. Jahrhunderts der Sprung aus einer agrarischen in eine digitale Nachhaltigkeitswirtschaft möglich ist und dass gleichzeitig der Zwischenschritt der Industrialisierung nach dem Vorbild der westlichen Gesellschaften nicht zwingend nötig ist.

Modernisierung im 21. Jahrhundert ist möglich

Wir gehen in eine multipolare Weltordnung und verabschieden uns von dem alten Erfolgsmodell, das aus der engen Verknüpfung von sozialer Marktwirtschaft und westlicher Demokratie bestand. Nachhaltigkeit und Digitalisierung sind die großen Transformationsbeschleuniger, die in den kommenden Jahren die Volkswirtschaften dieser Welt beherrschen werden. Indonesien ebenso wie der gesamte afrikanische Kontinent sind ab sofort nicht mehr untertänige Empfänger von Entwicklungshilfe, sondern Hotspots zukunftsträchtiger Entwicklungen und Investitionen. Das neue Weltsystem wird auch noch in 20 Jahren unser Leben und Wirtschaften prägen. Die Trends, die relevant werden, enthalten enorme Chancen für eine Welt, die den Klimawandel bewältigen und mit Migration und demografischen Verwerfungen umgehen muss. Keine Frage, die Transformationsgeschwindigkeit und der Handlungsdruck sind enorm. Die Gewinner des 20. Jahrhunderts (Öl, Auto, Atom, Russland, Europa und die arabische Welt) spüren, dass sie zu den Verlierern des kommenden Wandels gehören könnten und gehen immer militanter auf populistischen Stimmenfang mit reaktionärer Retro-Politik (zurück in die 1980er-Jahre der industriellen Hochkonjunkturen). Doch die Welt dreht sich weiter. Indonesien, Ruanda und ganz viele andere Länder zeigen, dass Veränderung im 21. Jahrhundert auch das Potenzial von Gleichheit, Modernisierung und nachhaltigem Wohlstand birgt.

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BIP 2.0: Warum wir ein alternatives Bewertungsmodell für Wohlstand und Wachstum brauchen

Megatrends KolumneAlle haben schon einmal davon gehört, keiner kann damit wirklich etwas anfangen: Das Bruttoinlandsprodukt, wie wir es kennen, misst den Wert aller hergestellten Waren und geleisteten Dienstleistungen innerhalb eines Jahres. Es ist höchste Zeit für eine alternative Bemessungsgrundlage für Wohlstand und Wachstum, weil uns Megatrends wie »Klimawandel«, »Neourbanisierung«, »Rohstoffknappheit« und »Energiewende« zwingen, Produktivität neu zu bestimmen. Statt des BIP 1.0 brauchen wir ein Modell, das nicht nur unseren Status quo in einer kümmerlichen Zahl einfriert, sondern die Grundlage für einen bürgerschaftlichen Diskurs über die Zukunft liefert

Ein BIP 2.0 sollte nicht nur (schlechte) Gegenwart dokumentieren, sondern die Grundlage für zukünftiges Handeln bilden. Doch Erneuerungsforderer sind immer in der Beweislast. Wie könnte ein alternatives BIP aussehen, das mehr Komplexität zu „verdauen“ vermag und gleichzeitig jedem einleuchtet? Die Begrenztheit des heutigen BIP 1.0 liegt auf der Hand: Rein volkswirtschaftliche Faktoren blenden relevante Aspekte unserer ökonomischen Realität aus:

Beispiel eins: Gesundheitsausgaben schaffen keinen gesellschaftlichen Reichtum, sondern Systemengpässe: Wenn wir in Deutschland mehr als zehn Prozent des BIPs für Gesundheit (in den USA gar 16 Prozent) ausgeben, dann ist das kein Anzeichen von vitaler Produktivität, sondern es sind in erster Linie Ausgaben, die die Krankenkassen belasten. Das BIP lässt also keine Gewichtung in Richtung nachhaltiger Produktivität zu.

Beispiel zwei: Ökologisch-soziale Folgekosten der fossilen Energiebereitstellung werden vom BIP 1.0 nicht erfasst: Das BIP, wie wir es bislang kennen, ist ökologisch blind. Ökologische Schäden wirtschaftlicher Aktivitäten wie Luftverschmutzung, Verschmutzung von Böden und Gewässern werden nicht als Wohlstands- und Produktivitätshemmnisse bewertet. Die Förderung von fossilen Energien wie Erdgas und Erdöl, aber auch Atomkraft „kurbeln das BIP an“, wie es im Nachrichtendeutsch so schön heißt. Allerdings werden die ökologischen (Aufbrauchen von Ressourcen, Umweltzerstörung) und gesundheitlichen (CO2-Belastung durch Verbrennungsmotoren) Folgekosten nicht entsprechend gewichtet.

Und noch ein drittes Beispiel: Gesellschaftspolitische Trends sind über das BIP 1.0 kaum erfassbar: Das BIP 1.0 liefert keine Hinweise auf sozialpolitische Schieflagen, es ist wirtschaftsethisch ignorant. Denn genauso verzerrt und eindimensional rechnet das BIP beim aktuellen Thema »Ungleichheit«. Die in allen Industriestaaten nachweisbare Tendenz, dass wenige Spitzenverdiener immer mehr erwirtschaften, wohingegen Gehälter innerhalb der unteren Mittelschicht seit Jahrzehnten stagnieren, bildet sich in der herkömmlichen BIP-Berechnung ebenfalls nicht ab.

In allen genannten Fällen steigt das BIP fröhlich an, ohne dass ein tatsächliches Mehr an Wohlstand erzeugt wird. Das heißt mit anderen Worten: Das BIP 1.0 misst nur den materiellen Wohlstand. Postmaterielle Wohlstandsindikatoren wie stabile soziale Beziehungen, Gesundheit, Ehrenamt, eine saubere Umwelt, flexible Arbeitszeitmodelle, Sharing, Genossenschaften oder P2P-Netzwerke finden keine Berücksichtigung. Das BIP klammert relevante Teile dessen aus, was Wohlstand und Wohlbefinden im 21. Jahrhundert ausmacht.

Eine sich rasante verändernde Gesellschaft braucht ein anderes BIP

Sollten wir uns also vom guten alten BIP verabschieden, das ja so offenkundig ein Kind der versunkenen Welt des industriellen 20. Jahrhunderts ist? Wäre es dann nicht konsequenter, einen Wert wie Wachstum und damit das BIP ganz aus dem Zukunftskatalog des 21. Jahrhunderts rauszuwerfen, weil sich ja ohnehin abzeichnet, dass wir uns im Sinne einer digitalen Nachhaltigkeitsökonomie neu erfinden müssen? Nein, ich denke, so einfach können wir es uns nicht machen. Was wir brauchen, sind weniger reduziert ökonomistische Messdaten als vielmehr ein Multiversum von Szenarien, mit dessen Hilfe wir ablesen können, wie Wohlstand in der Zukunft verantwortungsvoll garantiert werden kann. Dabei muss sichergestellt sein, dass ein solcher Szenarienbaukasten (Megatrends, Makroökonomie, Menschen und Märkte) Wachstum eingebettet in sozialpolitischen, ethisch-ökonomischen und ökologischen Kontexten beschreibt. Die Empfehlung, die von diesen Szenarien ausgeht, darf nicht mehr auf eine zentrale Kennzahl zugeschnitten werden und muss von einer Vielheit gesellschaftlicher Akteure „beschlossen“ werden.

Kein Zeugnis, sondern eine Basis für zukünftiges Handeln

In dieser Form wäre das BIP 2.0 auch ein Ergebnis partizipativer Wissensentwicklung, das eben nicht von Ökonomieexperten aus dem Elfenbeinturm in Form einer magischen Zahl geweissagt wird, die indes nur schwache Erklärungskraft hat. Ein BIP 2.0 ließe sich dann vielleicht nicht mehr in der „Tagesschau“ als heilige Ziffer verkünden, sondern wäre Resultat eines kollektiven Bewertungsprozesses und würde als Grundlage zukünftigen Handelns dienen. Während die magische BIP-1.0-Zahl einen unveränderlichen Ist-Zustand verkündet (und die Menschen zu Zaungästen eines ökonomischen Selbstlaufs macht), öffnete sich das BIP 2.0 in die Zukunft. Es wäre eher eine prospektive Kooperationsvereinbarung zwischen allen gesellschaftlichen Akteuren als eine Zensur über Geleistetes oder Nichtgeleistetes.

Der Deutsche Bundestag hat bereits 2010 eine Enquete-Kommission einberufen, die an einem solchen BIP 2.0 arbeiten soll. Die erweiternden materiellen, sozialen und ökologischen Wohlstandsindikatoren sind nachvollziehbar, sollten aber in regelmäßigen Abständen auf den Prüfstand gestellt werden. Zu ihnen gehören auch (Wohlstands-)Faktoren wie Artenvielfalt, Bildungsquote, Lebenserwartung und Treibhausgasemissionen. Eine repräsentative Umfrage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Januar 2013 hat aus dem Indikatorkatalog Fragen abgeleitet, die darauf abzielen, welche Lebensbereiche von der Bevölkerung als besonders wichtig angesehen werden. Und bereits vor Brexit, Migrationskrise und Rechtspopulismus haben die Deutschen vor allem die Stärkung der Demokratie (»Demokratie erhalten«) als mit Abstand wichtigstes Kriterium angegeben.

Die Bevölkerung bejaht ein alternatives BIP

Die Botschaft, die hiervon ausgeht, ist meines Erachtens sehr klar und ermutigend: Die »weichen« Indikatoren für ein BIP 2.0 werden von den Menschen bejaht und verstanden. Ein umfassendes Verständnis, demzufolge sich Wohlstand bei den Deutschen eben nicht nur über Lebenserwartung, Wohlfühlen und mehr Geld in der Tasche bemisst, sondern insbesondere auch an den Faktor »Demokratieentfaltung« geknüpft ist, ist erfreulicherweise erkennbar. Diese Grundarchitektur des BIP 2.0 ist intuitiv nachvollziehbar, weil es wichtige Megatrends (»Demografischer Wandel«, »Klimawandel«, »Rohstoffknappheit« etc.) berücksichtigt und damit nicht nur einen Ist-Zustand abzubilden erlaubt, sondern Schritte in die Zukunft der kommenden 10 bis 20 Jahre planbar macht. Und genau das ist es, was wir beim Nachdenken über eine transformative Wertschöpfung brauchen: Wir müssen Gesellschaft und Wirtschaft endlich als einen dynamischen Transformationsprozess begreifen, der Offenheit für Veränderung erzeugt und Menschen als Akteure auf dem Weg in die Zukunft mitnimmt.

Fazit: Wir stehen vor großen Herausforderungen und werden diese nur bewältigen können, wenn wir – auf allen Ebenen unserer Gesellschaft – aus passiven Konsumenten bei den wesentlichen Zukunftsentscheidungen selbstbewusste Akteure machen. Das ist ziemlich genau das Gegenteil eines Referendums, womit David Cameron Großbritannien gegen die Wand gefahren hat. Das BIP 2.0 wäre nach unserer Einschätzung eine der wichtigen Stellschrauben, um mit dem Projekt einer digitalen und nachhaltigen Transformationsgesellschaft zu beginnen. Jetzt muss der Anfang gemacht werden, die Umsetzung ist nicht die Angelegenheit des politischen Systems. WIR alle müssen diesen Aufbruch wagen!

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Die Veränderung organisieren!

Megatrends Kolumne

Ein kleines Manifest gegen die schlechte Laune des Juste Milieu und für eine nachhaltige Transformationsgesellschaft in sieben Thesen

Zurzeit operieren wir alle im Grenzbereich: fortgeschrittener Klimawandel und rasches Bevölkerungswachstum auf der einen, demografischer Wandel und alternde Gesellschaften auf der anderen Seite. Ungelenkte Migrationseffekte und daraus resultierender Vertrautheitsschwund in den aufnehmenden Ländern; politischer Populismus, Entdemokratisierungstendenzen bei ansteigender Ungleichheit; Digitalisierung sowie Energie- und Mobilitätswende als bahnbrechender technologischer Wandel mit hohen Komplexitätsanforderungen.

Die Optik, die uns die Lobbyisten des Beharrens (vom Erdölkonzern bis zum Automobilvorstand), Populisten aller politischen Couleur, gewissenlose Demagogen und hysterisierte Medien momentan aufzwingen wollen, geht in die folgende Richtung: Die Welt erlebt gerade das Ende einer Ära, Stagnation fast überall, etablierte Systeme quittieren ihren Dienst, zu viele Skurrilitäten, Paradoxien und Absurditäten. Ihre Schlussfolgerung, aus der sie Kapital zu schlagen versuchen: Es geht so nicht mehr weiter.

Ich glaube, wir werden die momentane Krise bewältigen, wenn wir uns klar machen, dass wir uns – ja, zweifellos – in einer eskalierten Situation des Übergangs befinden. Und für den scheinbar minütlich zunehmenden Bestand an Veränderungsbedarf brauchen wir so etwas wie eine Transformationsforschung. Wir brauchen, mit anderen Worten, bessere, zeitgemäße Instrumente, die nicht nur das Schlechte protokollieren, sondern Perspektiven zu entwickeln vermögen. Als Trend- und Zukunftsforscher beschreiben wir Veränderungen in erster Linie in Form von Trends und Szenarien. Angesichts der aktuell zugespitzten Lage zwischen Brexit, Syrien, asymmetrischen Kriegen, Neonationalismus und Mobilitätswende müssen wir neue Kopplungen zwischen den Akteuren schaffen, auf substanzielle Trends achten und den Mut für visionäre Szenarien finden.

Sieben Thesen, die den Weg aus der Krise (Entkopplung) in eine nachhaltige Transformationsgesellschaft nachzeichnen:

  1. Der beschleunigte Wandel seit den 1990ern hat unsere Werte stärker erschüttert, als wir wahrhaben wollen:
    Wir stehen mitten in einem Prozess der schroffen Brüche, der ungleichzeitigen Wachstumszyklen und der permanenten Transformation. Das hat dazu geführt, dass viele Kommunikationswege unbenutzt geblieben sind, bewährte Verbindungen durch Neulust und Euphorie einfach gekappt wurden. Vieles ist im Beschleunigungswahn der vergangenen rund 20 Jahre ganz einfach vernachlässigt worden. Nachhaltig zu handeln, bedeutet beispielsweise zu fragen: Welche Aufgaben hat eine Bank, wofür gibt es den Lebensmitteleinzelhandel und zu welchem Ziel bilden wir Studenten aus? Wenn wir gegen den vorherrschenden Pessimismus »Die nächste Eurokrise kommt bestimmt! «), Populismus (»Nur noch einfache Wahrheiten können die Welt erklären!«) und Nationalismus (»Wenn wir wieder eigene Gesetze haben, wird alles gut! «) etwas bewegen wollen, dann müssen wir dort neue Verbindungen und Vertrauensverhältnisse schaffen, wo jetzt Radikalisierung, Faschismus, Ratlosigkeit und schlechte Laune vorherrschen.
  1. Die Gleichung »Marktwirtschaft + Demokratie = Wohlstand« geht nicht mehr auf: Bis vor Kurzem haben wir in der westlichen Welt geglaubt, dass es einen Wohlstandsautomatismus zwischen Marktwirtschaft und Demokratie gibt: In dem Maße, wie wir marktwirtschaftlichen Prinzipien vertrauen, fördern wir auch die demokratischen Entwicklungen in grundsätzlich jeder Volkswirtschaft. Das Gleiche galt auch umgekehrt: Je mehr wir weltweit in die Pflege von demokratischen Institutionen und Modernisierung investieren, umso mehr erhalten wir selbstbewusste Märkte und Marktteilnehmer, die automatisch für mehr Wohlstand sorgen. Dieses Erfolgsmodell hat die Vorherrschaft des Westens seit dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte garantiert. Seit dem Ende der Finanzkrise stellen wir jedoch fest, dass diese Glücksformel nicht mehr funktioniert. Eine Wirtschaft, die sich nur noch blind an Wachstum und spektakulären Skalierungseffekte klammert, zieht nicht in Betracht, dass damit seit Jahrzehnten die Grenzen ökologischer Verantwortlichkeit überschritten wurden.
  1. Tendenzielle Konsumzufriedenheit kann Ungleichheit nicht mehr verdecken:
    Ein ökonomisches System, das einseitig auf Wohlstandseffekte bei den Menschen durch wachsenden Konsum baut, handelt nicht nur ökologisch unverantwortlich. Es zielt auch schnurstracks an der Realität der vergangenen 20 Jahre vorbei. Die zeichnete sich auch in den westlichen Ländern nämlich durch einen – wie viele erst jetzt feststellen – schleichenden Prozess der Überproduktion von Ungleichheit aus. Seit den 1990er Jahren ist ausnahmslos in allen westlichen Industrieländern (USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien) zu beobachten, dass Bildung wieder »vererbt“ wird, dass Gesundheit (und ebenso gesundes Älterwerden) wieder direkter von Herkunft und Status abhängt. Die Ära des Neoliberalismus hat seit Beginn der 1990er Jahre die fatalen Glasdecken in unsere gesellschaftliche Architektur eingezogen, die wir jetzt sorgenvoll beklagen – und die hauptursächlich erst zum Durchbruch des Rechtspopulismus geführt haben.
  1. Wir müssen Entkopplungseffekte wieder rückgängig machen:
    Jammern hilft da wenig und Schuldzuweisungen führen nicht weiter. Auch der Autor dieser Zeilen hat als Publizist und Wirtschaftsjournalist zu Beginn der 2000er Jahre von der Euphorie des sogenannten Neuen Marktes profitiert. Ein Hauptgrund für unser Scheitern in der neoliberalen Ära besteht darin, dass wir erfolgstrunken zu viele Dinge entkoppelt haben: den Einzelnen (als vermeintlich selbstbewusste »Ich-AG«) von der Gemeinschaft, die Politik (und andere Institutionen wie Schule und Verwaltung) von den Bürgern, Lebensmittelproduktion von regionalen Erzeugerstrukturen usw. Dafür brauchen wir neue Visionen darüber, wie wir Begriffe wie »Wohlstand« und »Gesellschaftlicher Reichtum« definieren. Anders ausgedrückt: Sinngebung darf nicht mehr nur in der Maximierung von Komfort (Stichwort: »Ökonomisierung der Lebenswelt«) und materiellem Reichtum bestehen. Hier bin ich mit den Befürwortern einer Postwachstumsökonomie komplett d’accord. Bis auf einen entscheidenden Punkt: Zu fordern, dass wir dann künftig einfach mehr Verzicht leisten sollten, führt zu keinem Ergebnis.
  1. Neue Sinnhorizonte müssen gegen die Darkrooms des Internets in Stellung gebracht werden:
    Die vielleicht schwerwiegendste Entkopplung in den zurückliegenden 20 Jahren hat die Entwicklung des Internets geschaffen, indem es sich von einem Wissensarchiv zu den Social Media gewandelt hat. Uns wird jetzt bewusst, dass damit auch die Entkopplung von Nachricht und Faktizität stattgefunden hat. Populismus, Desinformation und asymmetrische Kriegsführung sind jedenfalls ohne diese Entkopplung nicht vorstellbar. Seitdem vernebeln uns elektronische Echokammern à la Facebook und digital-demagogische Darkrooms unsere Urteilskraft und unterhöhlen das, was wir einmal bürgerliche Öffentlichkeit nannten. Ein Teufelskreis: In einer Gesellschaft, in der erhebliche Wertefluktuation, -relativierung und -zertrümmerung herrschen, lassen sich nur noch schwer stabile Sinnhorizonte aufmachen. Aber genau das wird in den nächsten Jahren entscheidend wichtig sein, um den Transformationsanforderungen insbesondere des technologischen Wandels gerecht zu werden.
  1. Ohne partizipative Wissenskultur können wir in der digitalen Gesellschaft nicht überleben:
    Was wir in der momentanen Situation zunächst einmal tun müssen, ist, neue und bessere Kopplungen zwischen den Akteuren, zwischen Märkten und Gesellschaft, Individuum und Politik, Umwelt und Industrie herzustellen. Und diese, wenn man so will » (re-)konstruktiven Heilungsprozesse« beschreiben eigentlich das, was wir im besten Sinne unter Nachhaltigkeit verstehen. Statt noch einmal dem verhängnisvollen Steigerungsspiel für immer mehr Wachstum zu vertrauen, müssen wir neue Wohlfahrtskonzepte entwickeln, bei denen so etwas wie eine »Ökonomie des Genug« eine wichtige Rolle spielt, jedoch noch nicht der Weisen letzter Schluss sein kann. Wir müssen gesellschaftliche Bereiche wie Wissenschaft und Politik, natürlich auch Wissenschaft und Wirtschaft auf neue Weise in Schwingung miteinander versetzen. Das wird unter anderem dazu führen, dass wir so etwas wie »Citizen Sciences« mehr Gehör verschaffen, also die Teilhabe der Nicht-Experten an Innovationsvorhaben stärken. Wir müssen NGOs und Whistleblower in ihren Rechten stärken und auf neue Weise mit unseren Gesellschaftssystemen verkoppeln. Partizipatives Wissen wird entscheidend wichtig in einer Welt, die künftig verantwortungsvoller und mit gesteigerter Achtsamkeit regiert werden muss. Dafür müssen wir intellektuelle Erbhöfe kappen, gehortetes Herrschaftswissen transparent machen, aus egoistischen Interessen abgeschlossene Datensilos durchlüften und hierarchiebedingte Denkverbote souverän ignorieren.
  1. Ökologische Moderne heißt: Wachstum bei stetig sinkendem Naturverbrauch:
    Auf ausnahmslos allen Märkten und in allen Branchen müssen wir technologische Kühnheit, Effizienzsteigerung und Wachstumslogik an eine deutliche Senkung des Ressourcenverbrauchs knüpfen. Für die Energiemärkte in Europa funktioniert das bereits mit einer nachhaltigen Perspektive über das Jahr 2040 hinaus. Aber wir brauchen kluges Wachstum, steigende Produktivität bei verringertem Naturverbrauch, auch in ökologisch sensiblen Sektoren wie der Landwirtschaft, der Textilproduktion und der Mobilität. Dass das möglich ist, zeigen unzählige Kooperationen, Start-ups und Public Private Partnerships (siehe MEGATRENDS!, Mai 2016) auf diesen Gebieten.

Wir begreifen unsere Arbeit als ein Kopplungsangebot an eine Pluralität von Akteuren: Unternehmen, Organisationen, Verwaltungen, Parteien, Schulen, Hochschulen. Wir misstrauen hermetischen Entwürfen, die aus der vermeintlich höheren Warte der Wissenschaftlichkeit auf die Gesellschaft salbungsvoll »herabgelassen«werden. Wir glauben an das gestaltende Denken mit den Händen, wenn nicht gleich ins Gelingen, so doch in die fehlertolerante Umsetzung verliebt. Als Forscher innerhalb und außerhalb der klassischen Bildungsinstitutionen begreifen wir uns nicht als Bewahrer, sondern als Transformationsagenten. Alles das hat ganz viel mit Nachhaltigkeit zu tun.

Als Trend- und Zukunftsforscher versuchen wir, mit diesen Lösungsmodellen in Wirtschaft und Gesellschaft, in der Beratung und Kooperation mit Unternehmen, ebenso wie in Reformansätzen an den Hochschulen wirksam zu werden. Alle, die an einem solchen nachhaltigen Fortschrittskonzept interessiert sind, laden wir herzlich ein, mit uns in den Gedankenwettstreit zu treten. Vieles von dem, was wir aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten für höchst relevant halten, finden wir in den Ansätzen der U-Theorie, des Design Thinkings oder in Clayton Christensens disruptiver Innovation wieder.

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Wie aus Großbritannien little England wurde

Megatrends Kolumne

 

Eine große Nation zerlegt sich selbst. Die politische Elite Großbritanniens huldigt der Zeitkrankheit des Populismus. Wirkungsmächtige Megatrends wie der demografische Wandel werden nicht verstanden. Währenddessen spitzt sich die Situation um die Zukunft Europas zu. Doch die drohende Spaltung des Vereinigten Königreichs birgt auch etwas Positives: Sie könnte zum Offenbarungseid für die rechten Demagogen werden. Sechs Trendbeobachtungen anlässlich des britischen Referendums

Es ist ein Albtraum und das Kontrastnarrativ zum glücklichen Mauerfall des Jahres 1989. Großbritannien droht zu verfallen, noch bevor es die EU verlässt. Die EU-Führung tut gut daran, dass sie den Scheidungsprozess forciert, damit alle Euroskeptiker und Populisten kapieren, was passiert, wenn man wolkig über EU-Austritt und Wiedererlangung nationaler Eigenständigkeit schwadroniert und subtil gegen Zuwanderung hetzt. Das Drama zwischen Bleiben oder Gehen, EU oder Nicht-EU, Ex-Premier Cameron und Volkstribun Boris Johnson findet nicht auf der Bühne, sondern in der harten Realität des Jahres 2016 statt. Geschichte wird gemacht: Das British Empire ist auf little England geschrumpft.

1. Die simple Wahrheit: Wer Megatrends ignoriert, wird über sie stolpern

Wer Megatrends frühzeitig analysiert und versteht, gewinnt dadurch Wettbewerbsvorteile. Wer sie jedoch ignoriert, erlebt, wie sie geschichtsmächtig zuschlagen. Demografischer Wandel bzw. Alterung ist ein Megatrend, unter dem sich die politischen Eliten des Westens schon seit gut einem Jahrzehnt hinwegzuducken versuchen. Das Ergebnis: Die Alten in unserer Gesellschaft fühlen sich nicht mehr wahrgenommen – entscheiden dafür aber Wahlen und bringen Projekte (wie Stuttgart 21) zum Stillstand. Kurz: Die Graumelierten (zahlenmäßig mittlerweile fast in der Mehrheit) bestimmen immer häufiger darüber, wie Zukunft entsteht oder auch nicht. Dabei sind demografische Entwicklungen ziemlich sicher einschätzbar. Sie lassen sich auf Jahrzehnte vorherbestimmen und es ist schwer, demografische Trends kurzfristig umzukehren. Rechtspopulisten in der ganzen westlichen Welt haben den Megatrend »Alterung« meisterhaft für ihre Ziele eingesetzt. Ihr ideologisches Handwerk wirft seit einigen Jahren schon eine satte »demografische Dividende« in Form von Wählerzustimmung ab.

2. Das Unglaubliche: Die ergraute »Generation Glück gehabt« entpuppt sich als zornig und schlechtgelaunt

75 Prozent der jungen Briten zwischen 18 und 25 Jahren haben gegen den Austritt der Briten aus der EU gestimmt. Das reichte aber bei Weitem nicht, denn 61 Prozent der größeren Gruppe der 65-plus-Alterskohorte votierten für einen Brexit. Eigentlich sollte diese »Generation Glück gehabt« (geboren 1945 und später) aus dem Grinsen nicht mehr herauskommen. Sie sind die Kinder eines einzigartigen Wirtschaftsaufschwungs in Europa und Nordamerika. Viele von ihnen hatten ihre Revolte 1968, und wenn das nicht, so doch ihr Modernisierungserlebnis mit Massenkonsum und Hedonismus in den 1970ern und 1980ern. Trotzdem artikulieren sie vor allem Frust und richten sich in nostalgisch verklärter Beschwörung einer heilen Vergangenheit ein.

3. Der Skandal: Der Sieg der Rechtspopulisten basiert auf Lügen, Zahlendrehern und Desinformation 

In den 1980er Jahren flog Boris Johnson bei der »Times« raus, weil er ein Zitat seines Patenonkels Colin Lucas (später Vizepräsident der Universität Oxford) verfälscht hatte (Johnsons Skandalkarriere lässt sich hier weiterlesen). Die entscheidende Zahl, mit der Boris Johnson in seiner Brexit-Kampagne mobil machte, ist schlicht falsch und wurde von den obersten Statistikbehörden des Königreichs mehrfach richtiggestellt. Brutto wurde für Netto ausgegeben: Es sind keine 350 Millionen Pfund pro Woche, die regelmäßig von Großbritannien nach Brüssel überwiesen werden. Wahrheitsverdreher Nigel Farage von der rechtsradikalen UKIP hat das unmittelbar nach dem Wahlergebnis zugestehen müssen. Ebenfalls unmittelbar nach der Brexit-Entscheidung musste Daniel Hannan, Mitglied des Europarlaments für die Torys, eingestehen, dass die Flüchtlingszahlen durch den Brexit nicht zurückgehen werden. Längst ist auch klar, dass Großbritannien (oder das, was davon in Zukunft noch übrigbleiben wird) außerhalb der EU definitiv nicht von Freihandelsabkommen profitieren wird.

Brexit

Boris Johnson, britischer Publizist, Politiker der Conservative Party und Anführer der siegreichen Anti-EU-Kampagne. Foto: Andrew Parsons/ i-Images via Flickr (https://www.flickr.com/photos/53797600@N04/6849889712), CC BY-ND 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/)

4. Die größte Gefahr: Großbritannien katapultiert sich mit dem Brexit in ein vormodernes 19. Jahrhundert zurück

Großbritannien wird an keiner Stelle vom Brexit profitieren. Kurz nach dem Wahlergebnis am Freitag und als das Britische Pfund seinen ersten Tiefpunkt erreichte, verlor little England Platz 5 der wirtschaftsstärksten Nationen an den Nachbarn Frankreich. Das britische Votum für ein possierlich-provinzielles little England wird die geschockte Volkswirtschaft in der Forschung ins 19. Jahrhundert zurückkatapultieren. Nach der Finanzkrise hat die EU noch sieben Milliarden Pfund in britische Wissenschaft gepumpt – die durch den Brexit beschlossene Einzäunung von little England wird »Oxbridge«von europäischen und internationalen Netzwerken abschneiden. Während des Schwarzen Freitags der Brexit-Abstimmung sind innerhalb von 100 Minuten sage und schreibe 200 Milliarden Pfund aus britischen Aktien herausgewaschen worden. Wenn es nicht so erschütternd wäre, wäre es fast schon komisch: Diese gigantische Summe entspricht den EU-Beiträgen des Königreichs von ziemlich genau 24 Jahren. Bereits am Samstag kündigten erste Unternehmen die Verlagerung ihrer Mitarbeiter von London auf den Kontinent an.

Auf dem Energiesektor sind die Konsequenzen ähnlich fatal. Bislang besitzt Großbritannien die weltgrößte Stromproduktion durch Offshore-Windenergie. Laut National Grid, der britischen Energieagentur, wird die Abkopplung von der europäischen Energiewende little England pro Jahr künftig 700 Millionen US-Dollar kosten. Die Pariser Klimaziele werden damit europaweit in Frage gestellt. Und die versprochenen Preisrückgänge auf dem Strommarkt sind schon jetzt illusorisch geworden. Das abstürzende Pfund, Gefahren einer beginnenden Inflation und die Importabhängigkeit des britischen Energiemarktes werden dazu führen, dass die Energiepreise ganz im Gegenteil um zwölf Prozent klettern werden.

5. Die wichtige Rolle der Medien: Wir befinden uns im Zeitalter der postmodernen Demagogie und Desinformation

Es ist Nonsens, wie von einigen leichtfertig gefordert, dem grassierenden Populismus einen Populismus der Linken oder Anständigen entgegenzusetzen. Denjenigen, die Europa abgewählt haben (die Alten, Abgehängten, Modernisierungsverweigerer und -verlierer) müssen wir zukünftig klar machen, dass sie in der Brexit-Kampagne der Populisten gewissermaßen zum zweiten Mal zu Opfern wurden. Im Fall des Brexit haben sie sich von Johnson und Farage instrumentalisieren und für irreale Ziele (Einheit, Unabhängigkeit …) einspannen lassen. Die sensationslüsternen und opportunistischen Mainstreammedien sind den Desinformationskampagnen der EU-Gegner opportunistisch hinterhergetrottet. Vieles, was in der politischen Realität zwischen Washington und Wladiwostok derzeit passiert, wirkt auf leicht surreale Weise wie eine Wiederaufführung der demagogischen Exzesse der 1930er-Jahre.

Die alten Mechanismen funktionieren immer noch, obwohl sich das Leben der Menschen verändert hat. Denn offenbar verhalten sich die Wähler in der Wahlkabine wie im Supermarkt: Sie strafen ab, sie protestieren, sie wählen das, was gerade die stärkste Talkshow-Präsenz hat – alles nach Bauchgefühl und Blutzuckerspiegel. Tenor: »Es hat ja doch keine Konsequenzen, was wir tun …« Angesichts solcher politischen Apathie wirkt es anrührend und hilflos zugleich, wenn selbst in einem konservativen Medium wie der FAZ zur Jugendrevolte aufgerufen wird. Labour-Boss Jeremy Corbyn wird mit großer Sicherheit nicht zu dieser Revolte gehören. Der populäre Linksaußen hat die Zukunftswahl eindeutig mit verloren, weil er sich nie zu einem eindeutigen Drinbleiben in der EU durchringen konnte.

6. Die Perspektive: Wo aber Gefahr ist, da wächst das Rettende auch: Brexit ist der Offenbarungseid für die Populisten

Bei aller Aufregung um das unerwartete Votum: Der Brexit-Schock könnte zum Offenbarungseid der Populisten werden. Ein Populist wie Johnson hat auch nicht nur annähernd eine weiterführende Vorstellung von einer lebenswerten Zukunft. Populisten leben keine Werte vor und sind nur an Skandalisierung und Destabilisierung interessiert. Die Brexit-Populisten haben nicht nur keinen Plan für die Zukunft. Ex-Premier Cameron wie auch sein potenzieller Nachfolger Boris Johnson haben einen Großteil ihrer Partei-Karrieren durch einen lässigen Euroskeptizismus vorangetrieben. Johnson stand am Freitagmorgen der Schrecken ins Gesicht geschrieben, als ihm klar zu werden schien, was er ab jetzt zu verantworten hat – kurze Zeit später fiel das britische Pfund auf ein 30-Jahrestief. Jetzt muss mit Johnson ein Populist liefern. Und vielleicht ist damit der Punkt erreicht, an dem sich seine mit Händen greifbare Visionslosigkeit und die Obszönität seines Machtanspruchs im medialen Blitzlichtgewitter selbst entlarvt.

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Mit Megatrends gegen transatlantische Melancholie

Megatrends Kolumne

Solange wir in Europa und den USA unsere Vergangenheit heroisch verklären, gewinnen wir kein klares Bild von unserer Zukunft. Nicht nur die Populisten beschwören eine heile Vergangenheitswelt – Westeuropa, Osteuropa und Nordamerika stagnieren allesamt im Blick auf das Gestern. Dabei geht es in den nächsten Wochen um die Identität und Zukunft Europas. Nostalgische Rückschau hilft dabei nicht weiter. Megatrends weisen den Weg in die Zukunft.

Es geht um unsere Zukunft. Das größte Problem besteht aktuell nicht darin, dass uns Technologien, Modelle und globale Herausforderungen fehlen. Was wir gerade erleben, ist eine neue »Querelle des Anciens et des Modernes«, ein Zustand der Zerrissenheit zwischen den Fortschrittsorientierten und den Bewahrern. Die erste »Querelle« fand Ende des 17. Jahrhundert in Frankreich statt und kreiste um die Frage, ob die alten Griechen noch das Vorbild für eine Literatur der Gegenwart sein können. Der aktuelle Kampf zwischen den Bewahrern und den Fortschrittlichen findet auf unterschiedlichen Feldern statt, nicht nur in der Politik.

EURO 2016: Defensivkünstler und wiedererweckte Hooligans

In Frankreich findet gerade ein europäisches Fußballfest statt, das sich nicht entscheiden kann, ob es der Vision des schönen Sports huldigen wird oder in die nationalistische Keilerei der Vergangenheit zurückfallen will. Die EURO 2016 versinnbildlicht die Stagnation und Zerrissenheit zwischen Gestern und Heute sehr gut: Europa in der Zerreißprobe zwischen den Kräften der Moderne – der spielerischen Intelligenz und der Handlungsschnelligkeit – auf der einen Seite und den Kräften des Defensiven und Destruktiven auf der anderen Seite. Bayern Münchens Multikulti-Ballett zerschellte vor der Europameisterschaft in der Champions League an der Betonmauer Atlético Madrid. Bei der EM scheitern die talentierten Österreicher an grätschenden Ungarn, Jogi Löws Kurzpass-Orchester vergeigt fast gegen das polnische Abwehrbollwerk, spanische Ballartisten straucheln beinahe am tschechischen Hochsicherheitsfußball. Ein italienisches Kollektiv aus Cleverness und Zerstörungseifer setzt sich gegen belgische Individualisten durch. Russische und kroatische Teams huldigen dem Rumpelfußball des letzten Jahrhunderts, während ihre Fans Innenstädte zu Kleinholz verarbeiten (und dafür teilweise Applaus von Sportfunktionären ernten). Und zwischendrin ein englisches Team, das eigensinnig seinen eigenen Weg sucht, aber auch in den nächsten 50 Jahren niemanden wirklich faszinieren wird. Europa ist – nicht nur fußballerisch – in sich zerrissen und sucht zwischen Tradition und Moderne seinen Weg nach vorne.

Im Moment scheinen die Rückwärtsgewandten das Rennen zu machen. So wissen wir mittlerweile, dass sich der rechte Populismus vor allem auch durch Zukunftsverweigerung auszeichnet. Sie münzen die Zukunftsangst der Menschen sehr clever in Wählerstimmen um. Populisten haben keine Gestaltungskraft, ihre destruktive Machtpolitik fußt alternativlos auf Verherrlichung des Gewesenen und Verneinung von konstruktiven Zukunftsentwürfen. Sie können keine Antworten geben und ernähren sich parasitär von der schlecht gelaunten Beschwörung einer Vergangenheit, in der angeblich einmal alles in Ordnung war. Wären sie an gestaltender Politik interessiert, würden sie ihre eigene Geschäftsgrundlage, das eskalierende Verstärken von Ängsten, zerstören.

Nicht nur die Populisten: Der transatlantische Zeitgeist tickt rückwärts

»Früher war alles irgendwie besser« – mit nostalgischer Vagheit werden Wählerstimmen gewonnen. Aber es sind nicht nur die Populisten, die Nostalgie und Retro zum Politikprinzip erhoben haben. Seit Jahren befinden wir uns in einer wirtschaftlichen, schlimmer noch: einer ideellen Stagnation. Wir trauen uns keine Zukunftsentwürfe mehr zu, weil Nostalgie und Vergangenheitsverliebtheit den Zeitgeist in Europa und Nordamerika beherrschen. Es ein visionsloses Klammern an einer vorgeblich besseren Vergangenheit. In den USA ergehen sich nicht nur die Republikaner, sondern auch die Demokraten in der sentimentalen Beschwörung eines scheinbar paradiesischen Momentes, den sie – jenseits der Parteigrenzen – im Nachkriegsamerika sehen (die Republikaner darüber hinaus zusätzlich noch in den 1980er Jahren der Reaganomics).

Nostalgie und Retro beherrschen auch die Kultur in Europa und Nordamerika. Eine Retromode jagt die nächste. Internet und On-Demand-Konsumkultur integrieren das auch nur kleinste Zucken einer rebellischen Gegenkultur in die durchkommerzialisierten Aufbereitungsanlagen des Mainstreams. Seit dem Hip Hop in den 1990er Jahren hat es keine einflussreiche Popkultur mehr gegeben, die neue Gesellschaftsentwürfe geprägt hätte. Der amerikanische Sozialphilosoph Yuval Levin hat diese gefährliche Sehnsucht nach dem idealen Zustand in der Vergangenheit in Wahlreden der Republikaner ebenso aufgefunden wie in Ansprachen Barack Obamas und anderer Demokraten. Sie alle huldigen dem Zeitgeist der »Good old times«, der uns jedoch unsere eigene Zukunft kosten könnte.

Die Verherrlichung der Vergangenheit macht blind für die Realitäten der Gegenwart

Eine Gesellschaft, die die Energie für ihre Zukunftsentwürfe nur aus der Beschwörung einer idealisierten Vergangenheit bezieht (»So wie es war, soll es wieder sein.«), läuft Gefahr, die sich schnell verändernden Realitäten der Gegenwart zu übersehen. Stichwort »Ungleichheit«: Wenn wir nicht aufpassen, zerfallen die USA ebenso wie die europäischen Volkswirtschaften in zwei Welten: eine der Chancenlosen und digital Abgehängten und eine der Reichen und Wohlstandsverwöhnten. Dafür müssen wir uns jedoch klarmachen, dass wir Zukunft nicht aus geschönten Erinnerungen und verzerrten Flashbacks bauen können.

Was können wir tun? Wir sollten den Provokationen der Populisten mit mehr Gelassenheit begegnen (ohne sorglos zu werden). Und dann sollten wir uns an die eigene Nase fassen und uns klarmachen, dass wir an der »Vertrashung« unserer Öffentlichkeit eine Mitschuld tragen. Neil Young hat kürzlich in einem Interview sinngemäß gesagt: »Wir bekommen jetzt noch einmal das serviert, was wir den Menschen jahrelang in den Daily Soaps, Reallife-, Scripted-Reality-Formaten vorgeführt haben: Distanzloses, menschenfeindliches, tendenziell rassistisches Verhalten.« Für die Konsumenten von diesem medialen Trash sind Trump und Gauland nur eine logische Fortsetzung in die Politik hinein.

Alles das geschieht nur wenige Stunden vor einem möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU. Wir können unsere Zerrissenheit überwinden, in dem wir uns von Nostalgie und Vergangenheitsverliebtheit verabschieden und den Aufbruch in die nächste Stufe der Moderne wagen. Die Schlüsselbegriffe dafür lauten: Dezentralisierung, Energiewende, Internet der Automobilität und Individualisierung:

  1. Das Gelingen der Energiewende ist ohne eine intakte EU nicht vorstellbar: Vereinzelt auftretende Energie-Retros wie Polens Kohlepolitik sowie Frankreichs und Großbritanniens halbherziger Flirt mit der Kernenergie sind bizarre nationale Alleingänge. Sie ändern nichts an der Tatsache, dass die Zeit der fossilen Großkraftwerke schon seit einigen Jahren vorbei ist. Arbeitsplätze, neue Geschäftsmodelle und nachhaltige Problemlösungen für die Zukunft des Globus gibt es nur in Verbindung mit erneuerbaren Energien.
  1. Internet der Mobilität: Es ist klar, dass wir für die Lösung unserer Mobilitätsprobleme ein Internet der Verkehrsinfrastrukturen brauchen. Momentan sind weltweit 1,2 Milliarden Autos auf den Straßen unterwegs. Damit es 2030 nicht 2,4 Milliarden werden, wie Prognosen vorhersagen, müssen wir den Verkehr schnellstens intelligent vernetzen. Hier liegt eine gigantische Herausforderung für alle Großstädte des europäischen Kontinents und darüber hinaus – und nicht nur für die deutsche Automobilindustrie. Auch dieses Zukunftsthema können wir nur im Rahmen einer zukunftsorientierten EU wirkungsvoll umsetzen.
  1. Die Dezentralisierung von Märkten und Dienstleistungen wird zum großen Zukunftsthema: Nicht nur die Energieversorgung, sondern auch der Gesundheitsmarkt, das Bankensystem, das Bildungssystem, viele andere Institutionen und vor allem auch unsere Lebensentwürfe werden sich in den kommenden Jahren weiter dezentralisieren. Das setzt voraus, dass Staaten, Regionen, Individuen weniger dirigistisch behandelt werden und Selbstmanagement und Autonomie zu einem handlungsleitenden Prinzip werden. Dafür müssen wir jedoch hart daran arbeiten, dass die EU nicht in eine EU der generösen Geber und der verarmten Bittsteller zerfällt.
  1. Wir dürfen die europäische Identitätspolitik nicht den Rechten und Populisten überlassen: Wir müssen EU-weit an einem neuen Gleichgewicht zwischen Individualisierung und Gemeinsinn arbeiten. Gerade osteuropäische Staaten müssen sich mit ihrer sozialistischen Herkunft auseinandersetzen können, um die Individualisierung ihrer Bürger und der staatlichen Institutionen vorantreiben zu können. Individualisierung ist insofern eine Grundvoraussetzung für die gelingende Vergemeinschaftung in einer intakten EU.

Die „Querelle“ zwischen Rückwärtsgewandtheit und Moderne ist längst noch nicht entschieden. Der Angeber Trump stürzt gerade in der Wählergunst ab. Spanien und Belgien beginnen, die eigene Lust am Spiel und am schönen Fußball zu entdecken. Wir kommen nicht weiter, wenn wir die Lösungen für unsere Probleme weiter in der Vergangenheit suchen. Das Gewesene wird ohnehin immer verklärt. Wir müssen den Aufbruch in die Zukunft wagen. Und der wird gekennzeichnet sein durch Dezentralisierung, Digitalisierung, Energiewende, vernetzte Mobilitätsströme und eine progressive Identitätspolitik.

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Weltverbesserer Blockchain: Was das Komplexitätsmonstrum über unsere gegenwärtige Zukunftsverzagtheit aussagt

Megatrends KolumneWichtige Problemlösungen für die kommenden Jahre werden darin bestehen, dass wir immer mehr Netzwerkintelligenz dort an den Start bringen, wo noch bis vor Kurzem knappe Güter wie Energie gehandelt wurden. In den digitalen Beziehungsgeflechten der Zukunft, in den intelligenten Kontexten und Kommunikationsräumen der Netze müssen wir Antworten für die anstehenden Schicksalsfragen unserer Gesellschaft finden: Wie wir aus der Idee des Sharings tatsächlich ein nachhaltiges Geschäftsmodell entwickeln können, wie wir weltweit auch Kleinbauern in Afrika zu Teilnehmern auf weltweiten Märkten machen können, wie wir Energie- und Mobilitätsströme so designen können, dass sie noch effizienter funktionieren. Das Komplexitätsmonstrum der Blockchain wird dazu einen wichtigen Beitrag leisten – trotz Technophobie und Zukunftsverzagtheit

Wir sind schon ein gutes Stück vorangekommen. Wir haben mit dem Internet den Informationsaustausch globalisiert und demokratisiert, sodass zumindest die halbe Welt (3,4 Milliarden Internetnutzer weltweit) relativ unbeschränkten Zugang zu Informationen hat. Wir sind dabei, unsere Dingwelt zu digitalisieren, und haben damit begonnen, komplexe technologische Gebilde wie Autos und Gebäude aus dem 3-D-Drucker rauszulassen. Hinter Schlagwörtern wie »Internet der Dinge« und »Industrie 4.0« deutet sich tatsächlich eine Revolution der Produktivität an, die in umweltbelastenden Branchen wie dem Flugverkehr und in belasteten Versorgungssystemen wie dem Gesundheitssektor für deutliche Effizienzsteigerungen sorgen wird.

Die Blockchain ist eine Weltverbesserer-Technologie

Das Internet, wie wir es kennen, bezieht nach wie vor sein weltverbesserisches Potenzial aus seiner dezentralen Struktur. Es gehört niemandem und lässt sich von keiner zentral-ideologischen Struktur steuern (auch wenn Trolle und Rechtspopulismus die erste große Sinndiskussion ausgelöst haben). Was in der schönen neuen Welt bislang jedoch fehlte, das waren intelligente Systeme, die unsere neue Micro-Transaktionskultur (Sharing, Mobile-Payment) tatsächlich auch auf digitaler Ebene darzustellen vermochte. Mit Blockchain-Netzwerken wird es demnächst ungleich einfacher möglich sein, komplexe Vorgänge wie Peer-to-Peer-Finanzierungen oder Car- und Roomsharing-Aktionen vertrauenswürdig abzuwickeln.

Die Blockchain ist eine digitale Architektur zur Speicherung von Daten, die von Entwicklern um das Open-Source-Projekt Bitcoin entwickelt wurde. Die Netz-Währung Bitcoin brauchte schlicht ein handhabbares digitales Verfahren. Man kann sich eine Blockchain als eine Kette von Datenblöcken vorstellen, die Transaktionen präzise speichert. Wenn eine Person am anderen Ende der Welt zehn Bitcoins an einen Geschäftspartner in Berlin überweist, wird dies in einem neuen Datenkettenglied der Bitcoin-Blockchain – für alle Blockchain-Teilnehmer sichtbar – notiert. Wenn der Empfänger anschließend fünf Bitcoins an eine weitere Person übergibt, entsteht ein neues Kettenglied und die Transaktion wird als Datenblock (Blockchain) notiert. Die Blockchain ist also eine sich in Realzeit aktualisierende Datenbank, die aus unzähligen Transaktionsblöcken zusammengesetzt ist, die jeder Interaktionsteilnehmer einsehen kann. Das ist das eigentlich Revolutionäre an der Technologie: Die Blockchain ist nicht (wie bei den handelsüblichen Datenbanken) auf einem zentralen Rechner abgelegt, sondern aktualisiert sich ständig auf jedem Rechner, der Teil des Blockchain-Netzwerks ist, was die Transparenz des Systems garantiert.

Mit der Blockchain geht der Umbau unserer Institutionen weiter

Die unschlagbaren Vorteile einer Blockchain bestehen auch darin, dass die klassischen Beglaubigungsstellen in unserer Gesellschaft (Banken und Notare) außen vor bleiben. Transaktionen, die über eine Blockchain abgewickelt werden, sind hochgradig zuverlässig, weil sie transparent und auf vielen Rechnern in „Originalversion“ nachverfolgbar sind. Die Software-Architekten dieser disruptiven Neuerung glauben dadurch auch nachhaltige Sicherheit gegenüber Hacker-Angriffen gewährleisten zu können. Denn wenn ein Hacker den Raum einer Blockchain betritt, muss auch er in seiner „Datenhistorie“ nachvollziehbar und vertrauenswürdig sein. Mit seiner Hacker-Absicht ist er im Datenprotokoll der Blockchain jedoch auffällig und wird aussortiert.

Energiewende 2.0 wird erst durch die Blockchain umsetzbar

Entscheidend ist, dass die Blockchain nicht nur Transaktionen und Abläufe bei Banken verändern, sondern viele Zukunftsmärkte auf eine neue Ebene der Produktivität heben wird. Beispiel Energie: Die Energiewende 2.0 zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht mehr nur regenerative Energie möglichst effizient erzeugt, sondern der Strom quasi auf personalisiertem Weg beim Verbraucher ankommt. Das meinen wir eigentlich, wenn wir von der Vision einer dezentralen Energieversorgung sprechen. In Brooklyn wird gerade von dem Startup LO3 Energy eine erste Blockchain getestet, die es erlaubt, kleinste Transaktionen zwischen Energieproduzent und Energienutzer zu protokollieren, ohne dass zusätzliche Kosten anfallen. Auch das Teilen von Musik im Internet kann durch die Blockchain ungleich genauer protokolliert werden, sodass Urheberrechte auch von winzigen Soundbites, die in andere Musikstücke übernommen werden, einklagbar werden. Mittels der Blockchain würde das Rechtemanagement in Musik und Kunst komplett neu definiert werden.

Und die Blockchain wird nicht nur den Ubers, Facebooks und Airbnbs nützlich sein, sie könnte auch Kleinunternehmern in Asien, Afrika und Südamerika dabei helfen, sich aus Armut und Chancenlosigkeit zu befreien. Das würde unter anderem dadurch möglich werden, dass mit einer Blockchain so etwas wie ein globales Grundbuchregister geschaffen werden kann, das die Eigentumsrechte von Kleinbauern nachweislich sichert. Um den Verkehrsinfarkt zu verhindern, wird in den kommenden Jahren ebenfalls eine Blockchain zum Einsatz kommen. Denn die Lösung für die zukünftigen Mobilitätsmärkte besteht in komplexen, multimodalen Verkehrsnetzen, die sich nur mit Blockchains steuern und kommerziell nutzen lassen. Und auch zu dieser Komplexitätsanstrengung gibt es meines Erachtens keine Alternative. Würden wir mit unserem Mobilitätskonsum so weitermachen wie bislang, hätten wir im Jahr 2030 2,4 Milliarden Autos auf den Straßen, momentan sind es 1,2 Milliarden.

Der Zeitgeist tickt reaktionär

Wie reagiert der hiesige Nachhaltigkeitsdiskurs darauf? Technologieskeptiker, zu denen mittlerweile auch ein Autor wie Harald Welzer gehört, machen es sich zu leicht, wenn sie sich ausschließlich an Überwachungs- und Gleichschaltungsgefahren der digitalen Netze aufhängen. Indirekt stützen sie damit eine Technologiefeindlichkeit, die sich unserem Retro-Zeitgeist unterwirft und eine sentimentale Sehnsucht nach „einfacheren Verhältnissen“ ausdrückt. Diese Einfachheit bekommen wir jedoch nur auf Kosten von Modernisierung und Demokratisierung. Die Alternativen zu weiterer digitaler Vernetzung sind Protektionismus, die reaktionäre Pseudo-Romantik des „Eigenen“ und eine Fortschrittsparalyse bei epochalen Projekten wie der Energie und Mobilitätswende. Momentan ist es chique, auf Einfachheit und technologiebefreite Unmittelbarkeit zu beharren. Die fatalen Konsequenzen wären gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Stillstand. Die Idee der Blockchain ist ohne Frage ein Komplexitätsmonster. Sie ist aber auch eine kluge dezentrale Innovation, die unsere Handlungsspielräume, gerade was ökoeffiziente Geschäftsmodelle angeht, deutlich erweitern wird.

Technologien wie die Blockchain stoßen unseren ängstlich verzagten und rückwärtsgewandten Zeitgeist auch deshalb vor den zukunftsmüden Kopf, weil sie noch einmal eine der vielbeschworenen disruptiven Neuheiten ankündigen, die innerhalb kürzester Zeit Märkte und Gewohnheiten aus den Angeln heben könnten. Mit der Blockchain könnten tatsächlich wichtige Stützpfeiler und Institutionen unserer Gesellschaft in den Vorruhestand verabschiedet werden: Banken, Notare, analoge Grundbücher et cetera – zentrale Vertrauens- und Beglaubigungsinstanzen unserer Welt also. Keine Frage, wir brauchen neue Institutionen und müssen die alten generalüberholen. Die Blockchain wird diese Prozesse in den nächsten Jahren radikal beschleunigen.

Die Blockchain und die veränderungsresistenten Verschwörungstheoretiker

Mit Techno-Skeptizismus kann man in unserer augenblicklich von Alarmismus, Paranoia und Verschwörungstheorien kontaminierten Aufmerksamkeitsökonomie sicherlich noch ein paar Leser und die eine oder andere Rezension mehr hinzugewinnen. Für die Zukunft unserer Gesellschaft brauchen wir mehr denn je das Vertrauen in Technologien, die unseren eingeübten Umgang mit Ressourcen durch intelligente Vernetzung hinterfragen und effizienter machen. Die Blockchain wird in einigen Jahren dazugehören. Den Verfechtern des reaktionär-sentimentalen Zeitgeists, der momentan die Bühnen unserer Aufmerksamkeitsökonomie beherrscht, sei aus dem Souffleurkasten des Zukunftsforschers zugerufen: Ihr werdet nicht gewinnen. Ihr könnt die Welt nur populistisch umdeuten, weil ihr keinen Mut habt, sie zu verändern. Megatrends wie Energiewende, Neourbanisierung, Digitalisierung und Individualisierung entfalten jedoch eine materielle Kraft, die Zukunftswege erschließt. Früher oder später werden die Menschen merken, dass man mit Angstkampagnen die Welt nicht verbessern kann.

P.S.: Bertolt Brecht, der geniale Dichter und Denker in Zeiten gesellschaftlich-ökonomischer Totalveränderungen und Ausnahmezustände, hätte an der Blockchain-Idee seinen Spaß gehabt. In der „Dreigroschenoper“ fällt bekanntlich der vielzitierte Satz: »Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?« Blockchains können unseren Umgang mit Geld und Ressourcen radikal verändern. Wir sollten das begrüßen.

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»Grüne« Chemie: Wie eine Branche für den Sprung ins postfossile Zeitalter sorgen kann

Megatrends Kolumne

Der weltweite Chemie-Markt boomt. Laut Roland Berger wird sich das Volumen bis 2035 mehr als verdoppelt haben, was einem schwindelerregenden Wert von über 5,2 Billionen Euro entspricht. Ein wichtiger Treiber für die steilen Wachstumsaussichten: »grüne« Chemie, die nicht weniger als das Ende des Erdölzeitalters bedeuten kann.

Unter »grüner« Chemie versteht man die Entwicklung, Herstellung und Verwendung von energie- und materialeffizienten und umweltschonenden Chemikalien und chemischen Prozessen. Das bedeutet konkret: »Grüne« Chemie steht für sichere und saubere Chemikalien und kann in den kommenden Jahren dafür sorgen, dass wir bei gleichbleibendem Wohlstand weniger Energie benötigen und weniger giftige Inhaltsstoffe den Weg in die Produkte unseres Konsumalltags finden. Möglich wird das durch den verstärkten Einsatz nachwachsender oder recycelbarer Rohstoffe oder Abfälle als Alternative zum Erdöl sowie die Herstellung von umwelt- und gesundheitsverträglichen Inhaltsstoffen, die für die Produktion zahlreicher Gegenstände des Alltags benötigt werden.

Chemie aus der Natur bald Alltag

Wie gegenwärtig »grüne« Chemie in unserem Alltag ist (oder noch nicht ist), lässt sich verdeutlichen, wenn man sich die vielen möglichen Anwendungsgebiete vor Augen hält: Biochemische Brennstoffzellen (Strom aus natürlichen Vorgängen, mit organischen Materialien), biologisch abbaubare Verpackungsmaterialien, chlorfreie Bleichtechnologien (bei der Herstellung von Papierprodukten), »grüne« Kunststoffe (Plastik, recycelbar, abbaubar aus ölfreier Herstellung) oder wässrige Lösungsmittel (weniger Gifte). Viele Lebensmittel, Haushaltsprodukte (Waschmittel, Reiniger, Kosmetika, Medikamente) und andere Alltagsgegenstände (Handy, Spielzeug, Computer, Teppiche) werden gegenwärtig immer noch mit fossilen Ressourcen und unter umwelt- und gesundheitsschädlichen Bedingungen hergestellt. »Grüne« Chemie hat das Potenzial, dies zu ändern und den Ausstieg aus einer erdölbasierten Wirtschaft in eine postfossile Welt zu bewirken.

Weiße Biotechnologie für eine »grüne« Zukunft

Als besonders innovativer und zukunftsweisender Ansatz der »grünen« Chemie gilt die sogenannte »weiße Biotechnologie« (auch «industrielle Biotechnologie« genannt), die für ein industrielles Produktionsverfahren steht, das völlig auf fossile Brennstoffe verzichtet. Zur Herstellung und Verarbeitung von Chemikalien wird komplett auf biologische Prozesse und die Nutzbarmachung von Bakterien, Hefen und Schimmelpilzen und deren Enzymen in Bioreaktoren gesetzt. Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass in zehn Jahren 20 Prozent aller Chemikalien mit der »weißen Biotechnologie« hergestellt werden.

Konsumenten sind bereit, Unternehmen auch

Begünstigt wird die weitere Verbreitung »grüner« Chemie durch das gestiegene Bewusstsein der Konsumenten. Quer durch alle Branchen und Lebensstile sind die Themen »Gesundheit«, »Nachhaltig« und »Umwelt« längst zu festen Koordinaten des Einkaufsverhaltens geworden. Nicht zuletzt deshalb steigt auch das Interesse der Unternehmen. Studien zeigen zudem auf, dass Unternehmen durch den Einsatz nachhaltiger Chemieverfahren kurz- und langfristig Kosten sparen, etwa für die spätere Haftung von Umwelt- oder Gesundheitsschäden.

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Auftritt der nachhaltigen Konsumindividualisten

Neue LebenssMegatrends Kolumnetile klopfen an unsere Tür. Wir erleben gerade das Debut einer neuen Spezies von Konsum-Individualisten, die mit dem drängenden Bedürfnis nach Autonomie gegenüber unserer alten Versorgungsinfrastruktur auftreten. Die Frage, die sich stellt: Ist das ein weiterer belangloser Schritt in der Verfeinerung unserer Wünsche oder kann Individualisierung auch nachhaltig sein? Kurz-Anatomie eines gesellschaftlichen Wandels

Lebensstiltrends entwickeln sich besonders dann mit besonderer Eindringlichkeit, wenn sie von technologischen und sozioökonomischen Innovationen begleitet werden. Das ist momentan der Fall bei einer neuen Spezies von Konsumrebellen, die vor allem eines wollen: ihr Leben und damit die Art und Weise, wie sie ihren Alltag gestalten, wie sie arbeiten, genießen und sich fortbewegen, möglichst autonom zu organisieren.

Diese »neuen Autonomen« erhalten seit längerer Zeit schon Unterstützung für ihre Lebensentwürfe durch den technologischen Wandel. Sie möchten sich frei machen von allem, was sie in ihren Wünschen und Bedürfnissen limitiert. Das beginnt bei Ladenöffnungszeiten, geht über das begrenzte Angebot von Zuckerschotenvarianten im Lebensmitteleinzelhandel und endet noch lange nicht bei der Skepsis gegenüber herkömmlichen Restaurants, die die Mehrzahl ihrer Menübestandteile bei Großhändlern einkaufen.

Weg von den Versorgungswegen des 20. Jahrhunderts

Wer das Kundenverhalten in der westlichen Welt durch das gesamte 20. Jahrhundert hindurch beobachtet (ganz egal, ob im Einzelhandel, bei der Telekommunikation oder anderer Mediennutzung, auf dem Gesundheitssektor oder auch in der Bildung), der stellt Folgendes fest: Je mehr in diesen Branchen Innovationen an den Start gebracht wurden, umso mehr gewährleisteten es diese Innovationen, dass Kunden zeit- und raumunabhängiger konsumieren konnten. Das hat – beschleunigt durch die disruptive Innovation des Smartphones und der Digitalisierung – dazu geführt, dass wir alle von Produkten und Dienstleistungen immer selbstverständlicher verlangen, dass sie uns dezentral ansprechen und ihre Leistungen möglichst personalisiert gestaltet sind.

Was wir gerade erleben (ob von Technologie- und Megatrends initiiert oder vor allem »Lebensstilgründen« entspringend, lässt sich nie abschließend entscheiden), ist das Entstehen von neuen Lebensentwürfen, die individuell und autonom sein wollen, unabhängig von den alten Gatekeepern des 20. Jahrhunderts: Massenware im Supermarktregal, im Plattenladen, bei Arzt und Apotheken … überall. Diese neue dezentrale Lebensstil-Avantgarde möchte aber noch viel mehr: Sie misstraut allen standardisierten Angeboten auch auf Feldern wie Energie, Rundfunk und Mobilität. Mit anderen Worten: Die neuen Konsumindividualisten zielen auf einen ex-zentrischen Lebensstil, der radikal die hergebrachten Infrastrukturen des 20. Jahrhunderts hinter sich lassen möchte.

Nicht die nächste hippe Zielgruppe, sondern ein gesellschaftlicher Wandel

Wir sollten nicht glauben, dass diese Bewegung »irgendwie« eine neue Zielgruppe darstellt. Der Wandel, der sich hiermit abzeichnet, ist ungleich fundamentaler. Die Menschen beginnen, sich ihre Lebenswelt für die kommenden Jahre in einer digital-nachhaltigen Gesellschaft einzurichten. Der Kaufmann und der Drogist um die Ecke sollten das ebenso wenig unterschätzen wie der Autohändler, der Sparkassenfilialleiter, der Hausarzt oder der örtliche Energieversorger. Diese neuen Lebensstile lassen sich nicht einfach gesellschaftlichen Milieus zuordnen. Sie zielen nicht nur auf »Biobürger«, den »Mainstream«, die Besserverdienenden, die Generationen X oder Y oder die Unterschichten. Der Trend, so wie er gerade startet, lässt sich altersindifferent und in nahezu allen sozialen Schichten beobachten (ansonsten wäre es kein substanzieller Trend). Nachhaltigkeit spielt in ihren Wünschen und Visionen eine ganz entscheidende Rolle. Die meisten von den Konsumindividualisten setzen die Nachhaltigkeit ihrer Rahmenbedingungen (Lebensmittel, Energie, Mobilität) schlicht voraus, deswegen können wir sie durchaus als nachhaltige Individualisten bezeichnen. Oder anders gesagt: Individualität gewinnt für sie erst dadurch ihren Reiz und ihre lebensweltliche Stimmigkeit, dass sie Nachhaltigkeitsgesichtspunkten entsprechend umsetzbar ist.

Die neuen Individualisten sind altersindifferent und in nahezu allen Schichten auffindbar

In die Kategorie der nachhaltigen Konsumindividualisten fallen sowohl reaktionäre Einzelgänger, die keine Lust haben, GEZ-Gebühren zu zahlen, Energieautarkie anstreben und ihre eigenen Nutztiere züchten. Wie auch clevere Sparfüchse aus der gesellschaftlichen Mitte, die sich dank ihres Wärmetauschers auf dem Dach und dem Hybridauto in der Garage ein Stückchen unabhängiger fühlen wollen. Hierzu gehört natürlich auch der gutverdienende Techno-Optimist, der von einem individuellen »Energy-Grid« träumt, an den sein Tesla ebenso angeschlossen ist wie das Miniblockheizkraftwerk im Keller. Und zu ihnen gehört der studentische Frugalist, der eine Welt aus Peer-to-Peer-Verbindungen vor Augen hat, an die Sharing-Idee glaubt und lieber heute als morgen sein Gemüse in Vertical-Farming-Anlagen wachsen sehen möchte.

Das Phänomen der nachhaltigen Individualisten ist natürlich nicht nur auf Europa begrenzt. In den USA hat sich in den vergangenen Jahren die Small-House- oder Tiny-House-Bewegung viel Aufmerksamkeit verschafft. Nach der Immobilienkrise hat dort das CO2-neutrale Wohnen in winzigen Häusern einen unbestreitbaren Charme. Moderne Weltverbesserer von der University of Tennessee haben gerade ein Tiny House entwickelt, das im 3-D-Drucker hergestellt wird. Der Clou: Das dazugehörige CO2-neutrale SUV-Auto kommt ebenfalls aus dem digitalen Dingedrucker. Haus und Auto teilen und nutzen den Solarstrom gemeinschaftlich. Aus geduldigen, erduldenden »Endverbrauchern« werden in den kommenden Jahren immer mehr Konsumindividualisten, die hohe Ansprüche an Ethik und Ökologie haben. Das Irritierende und zugleich Spannende an diesem Trend ist, dass der dezentral-digitale Lebensstil der nachhaltigen Individualisten radikal die klassischen Bindungen an unsere (Konsum-)Gesellschaft kappt. Die Individualisten stellen in Frage, dass man täglich acht bis zehn Stunden arbeiten gehen muss, am Wochenende im Supermarkt auf der »grünen Wiese« einkaufen geht und alle vier Jahre seine Stimme als Staatsbürger abgibt.

Digitalisierung und Dezentralisierung sind die Megatrend-Pfeiler des Wandels

Die Digitalisierung krempelt gerade alle Märkte und Industrien um. Dezentralisierung und Individualisierung werden bis 2030 in alle Lebensbereiche vordringen. Und die vielbeschworene digitale Disruption macht auch vor der Landwirtschaft nicht halt. Momentan verschlingt die Landwirtschaft noch 70 Prozent des nutzbaren Frischwassers auf der Erde. Eine unglaubliche Verschwendung (und eine schwere Hypothek für künftige Generationen). Die digitale Disruption der Landwirtschaft wird eines der aufsehenerregendsten Zukunftsprojekte der kommenden Jahre sein. Vertical Farming, die Kultivierung von Obst und Gemüse in hochhausartigen Türmen, in denen Wasser in Kreislaufwirtschaft, LED-Lampen und tausende von Sensoren ein „Internet der Ernährung“ bilden, wird Herstellung und Vertrieb von Nahrungsmitteln auf neue Beine stellen. Raymond Kurzweil, Cheftechnologe von Google, geht davon aus, dass die 2020er-Jahre eine Ära der dezentralen Nahrungsmittelproduktion und des Vertical Farmings sein werden. Der Pestizideinsatz wird dabei deutlich reduziert. Das junge Unternehmen FarmedHere®, das in der Nähe von Chicago ein 9000 Quadratmeter großes vertikales Gewächshaus betreibt, beliefert mittlerweile 50 Filialen des amerikanischen Ökosupermarktes Whole Foods Market.

Die nachhaltigen Konsumindividualisten sind digital bestens vernetzt und legen in der Ernährung großen Wert auf lokale Wertschöpfung und Eigenanbau. Noch einmal: Es sind keine weltfremden Aussteiger, sondern konsumskeptische, häufig gut verdienende Menschen, die aus der Mitte unserer Gesellschaft kommen. Irgendjemand hat sie bestimmt schon als Generation-on-Demand oder Transkonsumenten beschrieben. Wir sollten sie nicht als ideologische Neo-Ökos, Konsumverweigerer oder Alternative missverstehen. Sie werden den Konsum auf unseren Märkten in den kommenden Jahren spürbar verändern, weil es ihnen eine Lust ist, Nachhaltigkeit individuell zu leben.

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