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Kategorie: MEGATRENDS!-Kolumne

Wie aus Großbritannien little England wurde

Megatrends Kolumne

 

Eine große Nation zerlegt sich selbst. Die politische Elite Großbritanniens huldigt der Zeitkrankheit des Populismus. Wirkungsmächtige Megatrends wie der demografische Wandel werden nicht verstanden. Währenddessen spitzt sich die Situation um die Zukunft Europas zu. Doch die drohende Spaltung des Vereinigten Königreichs birgt auch etwas Positives: Sie könnte zum Offenbarungseid für die rechten Demagogen werden. Sechs Trendbeobachtungen anlässlich des britischen Referendums

Es ist ein Albtraum und das Kontrastnarrativ zum glücklichen Mauerfall des Jahres 1989. Großbritannien droht zu verfallen, noch bevor es die EU verlässt. Die EU-Führung tut gut daran, dass sie den Scheidungsprozess forciert, damit alle Euroskeptiker und Populisten kapieren, was passiert, wenn man wolkig über EU-Austritt und Wiedererlangung nationaler Eigenständigkeit schwadroniert und subtil gegen Zuwanderung hetzt. Das Drama zwischen Bleiben oder Gehen, EU oder Nicht-EU, Ex-Premier Cameron und Volkstribun Boris Johnson findet nicht auf der Bühne, sondern in der harten Realität des Jahres 2016 statt. Geschichte wird gemacht: Das British Empire ist auf little England geschrumpft.

1. Die simple Wahrheit: Wer Megatrends ignoriert, wird über sie stolpern

Wer Megatrends frühzeitig analysiert und versteht, gewinnt dadurch Wettbewerbsvorteile. Wer sie jedoch ignoriert, erlebt, wie sie geschichtsmächtig zuschlagen. Demografischer Wandel bzw. Alterung ist ein Megatrend, unter dem sich die politischen Eliten des Westens schon seit gut einem Jahrzehnt hinwegzuducken versuchen. Das Ergebnis: Die Alten in unserer Gesellschaft fühlen sich nicht mehr wahrgenommen – entscheiden dafür aber Wahlen und bringen Projekte (wie Stuttgart 21) zum Stillstand. Kurz: Die Graumelierten (zahlenmäßig mittlerweile fast in der Mehrheit) bestimmen immer häufiger darüber, wie Zukunft entsteht oder auch nicht. Dabei sind demografische Entwicklungen ziemlich sicher einschätzbar. Sie lassen sich auf Jahrzehnte vorherbestimmen und es ist schwer, demografische Trends kurzfristig umzukehren. Rechtspopulisten in der ganzen westlichen Welt haben den Megatrend »Alterung« meisterhaft für ihre Ziele eingesetzt. Ihr ideologisches Handwerk wirft seit einigen Jahren schon eine satte »demografische Dividende« in Form von Wählerzustimmung ab.

2. Das Unglaubliche: Die ergraute »Generation Glück gehabt« entpuppt sich als zornig und schlechtgelaunt

75 Prozent der jungen Briten zwischen 18 und 25 Jahren haben gegen den Austritt der Briten aus der EU gestimmt. Das reichte aber bei Weitem nicht, denn 61 Prozent der größeren Gruppe der 65-plus-Alterskohorte votierten für einen Brexit. Eigentlich sollte diese »Generation Glück gehabt« (geboren 1945 und später) aus dem Grinsen nicht mehr herauskommen. Sie sind die Kinder eines einzigartigen Wirtschaftsaufschwungs in Europa und Nordamerika. Viele von ihnen hatten ihre Revolte 1968, und wenn das nicht, so doch ihr Modernisierungserlebnis mit Massenkonsum und Hedonismus in den 1970ern und 1980ern. Trotzdem artikulieren sie vor allem Frust und richten sich in nostalgisch verklärter Beschwörung einer heilen Vergangenheit ein.

3. Der Skandal: Der Sieg der Rechtspopulisten basiert auf Lügen, Zahlendrehern und Desinformation 

In den 1980er Jahren flog Boris Johnson bei der »Times« raus, weil er ein Zitat seines Patenonkels Colin Lucas (später Vizepräsident der Universität Oxford) verfälscht hatte (Johnsons Skandalkarriere lässt sich hier weiterlesen). Die entscheidende Zahl, mit der Boris Johnson in seiner Brexit-Kampagne mobil machte, ist schlicht falsch und wurde von den obersten Statistikbehörden des Königreichs mehrfach richtiggestellt. Brutto wurde für Netto ausgegeben: Es sind keine 350 Millionen Pfund pro Woche, die regelmäßig von Großbritannien nach Brüssel überwiesen werden. Wahrheitsverdreher Nigel Farage von der rechtsradikalen UKIP hat das unmittelbar nach dem Wahlergebnis zugestehen müssen. Ebenfalls unmittelbar nach der Brexit-Entscheidung musste Daniel Hannan, Mitglied des Europarlaments für die Torys, eingestehen, dass die Flüchtlingszahlen durch den Brexit nicht zurückgehen werden. Längst ist auch klar, dass Großbritannien (oder das, was davon in Zukunft noch übrigbleiben wird) außerhalb der EU definitiv nicht von Freihandelsabkommen profitieren wird.

Brexit

Boris Johnson, britischer Publizist, Politiker der Conservative Party und Anführer der siegreichen Anti-EU-Kampagne. Foto: Andrew Parsons/ i-Images via Flickr (https://www.flickr.com/photos/53797600@N04/6849889712), CC BY-ND 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/)

4. Die größte Gefahr: Großbritannien katapultiert sich mit dem Brexit in ein vormodernes 19. Jahrhundert zurück

Großbritannien wird an keiner Stelle vom Brexit profitieren. Kurz nach dem Wahlergebnis am Freitag und als das Britische Pfund seinen ersten Tiefpunkt erreichte, verlor little England Platz 5 der wirtschaftsstärksten Nationen an den Nachbarn Frankreich. Das britische Votum für ein possierlich-provinzielles little England wird die geschockte Volkswirtschaft in der Forschung ins 19. Jahrhundert zurückkatapultieren. Nach der Finanzkrise hat die EU noch sieben Milliarden Pfund in britische Wissenschaft gepumpt – die durch den Brexit beschlossene Einzäunung von little England wird »Oxbridge«von europäischen und internationalen Netzwerken abschneiden. Während des Schwarzen Freitags der Brexit-Abstimmung sind innerhalb von 100 Minuten sage und schreibe 200 Milliarden Pfund aus britischen Aktien herausgewaschen worden. Wenn es nicht so erschütternd wäre, wäre es fast schon komisch: Diese gigantische Summe entspricht den EU-Beiträgen des Königreichs von ziemlich genau 24 Jahren. Bereits am Samstag kündigten erste Unternehmen die Verlagerung ihrer Mitarbeiter von London auf den Kontinent an.

Auf dem Energiesektor sind die Konsequenzen ähnlich fatal. Bislang besitzt Großbritannien die weltgrößte Stromproduktion durch Offshore-Windenergie. Laut National Grid, der britischen Energieagentur, wird die Abkopplung von der europäischen Energiewende little England pro Jahr künftig 700 Millionen US-Dollar kosten. Die Pariser Klimaziele werden damit europaweit in Frage gestellt. Und die versprochenen Preisrückgänge auf dem Strommarkt sind schon jetzt illusorisch geworden. Das abstürzende Pfund, Gefahren einer beginnenden Inflation und die Importabhängigkeit des britischen Energiemarktes werden dazu führen, dass die Energiepreise ganz im Gegenteil um zwölf Prozent klettern werden.

5. Die wichtige Rolle der Medien: Wir befinden uns im Zeitalter der postmodernen Demagogie und Desinformation

Es ist Nonsens, wie von einigen leichtfertig gefordert, dem grassierenden Populismus einen Populismus der Linken oder Anständigen entgegenzusetzen. Denjenigen, die Europa abgewählt haben (die Alten, Abgehängten, Modernisierungsverweigerer und -verlierer) müssen wir zukünftig klar machen, dass sie in der Brexit-Kampagne der Populisten gewissermaßen zum zweiten Mal zu Opfern wurden. Im Fall des Brexit haben sie sich von Johnson und Farage instrumentalisieren und für irreale Ziele (Einheit, Unabhängigkeit …) einspannen lassen. Die sensationslüsternen und opportunistischen Mainstreammedien sind den Desinformationskampagnen der EU-Gegner opportunistisch hinterhergetrottet. Vieles, was in der politischen Realität zwischen Washington und Wladiwostok derzeit passiert, wirkt auf leicht surreale Weise wie eine Wiederaufführung der demagogischen Exzesse der 1930er-Jahre.

Die alten Mechanismen funktionieren immer noch, obwohl sich das Leben der Menschen verändert hat. Denn offenbar verhalten sich die Wähler in der Wahlkabine wie im Supermarkt: Sie strafen ab, sie protestieren, sie wählen das, was gerade die stärkste Talkshow-Präsenz hat – alles nach Bauchgefühl und Blutzuckerspiegel. Tenor: »Es hat ja doch keine Konsequenzen, was wir tun …« Angesichts solcher politischen Apathie wirkt es anrührend und hilflos zugleich, wenn selbst in einem konservativen Medium wie der FAZ zur Jugendrevolte aufgerufen wird. Labour-Boss Jeremy Corbyn wird mit großer Sicherheit nicht zu dieser Revolte gehören. Der populäre Linksaußen hat die Zukunftswahl eindeutig mit verloren, weil er sich nie zu einem eindeutigen Drinbleiben in der EU durchringen konnte.

6. Die Perspektive: Wo aber Gefahr ist, da wächst das Rettende auch: Brexit ist der Offenbarungseid für die Populisten

Bei aller Aufregung um das unerwartete Votum: Der Brexit-Schock könnte zum Offenbarungseid der Populisten werden. Ein Populist wie Johnson hat auch nicht nur annähernd eine weiterführende Vorstellung von einer lebenswerten Zukunft. Populisten leben keine Werte vor und sind nur an Skandalisierung und Destabilisierung interessiert. Die Brexit-Populisten haben nicht nur keinen Plan für die Zukunft. Ex-Premier Cameron wie auch sein potenzieller Nachfolger Boris Johnson haben einen Großteil ihrer Partei-Karrieren durch einen lässigen Euroskeptizismus vorangetrieben. Johnson stand am Freitagmorgen der Schrecken ins Gesicht geschrieben, als ihm klar zu werden schien, was er ab jetzt zu verantworten hat – kurze Zeit später fiel das britische Pfund auf ein 30-Jahrestief. Jetzt muss mit Johnson ein Populist liefern. Und vielleicht ist damit der Punkt erreicht, an dem sich seine mit Händen greifbare Visionslosigkeit und die Obszönität seines Machtanspruchs im medialen Blitzlichtgewitter selbst entlarvt.

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Mit Megatrends gegen transatlantische Melancholie

Megatrends Kolumne

Solange wir in Europa und den USA unsere Vergangenheit heroisch verklären, gewinnen wir kein klares Bild von unserer Zukunft. Nicht nur die Populisten beschwören eine heile Vergangenheitswelt – Westeuropa, Osteuropa und Nordamerika stagnieren allesamt im Blick auf das Gestern. Dabei geht es in den nächsten Wochen um die Identität und Zukunft Europas. Nostalgische Rückschau hilft dabei nicht weiter. Megatrends weisen den Weg in die Zukunft.

Es geht um unsere Zukunft. Das größte Problem besteht aktuell nicht darin, dass uns Technologien, Modelle und globale Herausforderungen fehlen. Was wir gerade erleben, ist eine neue »Querelle des Anciens et des Modernes«, ein Zustand der Zerrissenheit zwischen den Fortschrittsorientierten und den Bewahrern. Die erste »Querelle« fand Ende des 17. Jahrhundert in Frankreich statt und kreiste um die Frage, ob die alten Griechen noch das Vorbild für eine Literatur der Gegenwart sein können. Der aktuelle Kampf zwischen den Bewahrern und den Fortschrittlichen findet auf unterschiedlichen Feldern statt, nicht nur in der Politik.

EURO 2016: Defensivkünstler und wiedererweckte Hooligans

In Frankreich findet gerade ein europäisches Fußballfest statt, das sich nicht entscheiden kann, ob es der Vision des schönen Sports huldigen wird oder in die nationalistische Keilerei der Vergangenheit zurückfallen will. Die EURO 2016 versinnbildlicht die Stagnation und Zerrissenheit zwischen Gestern und Heute sehr gut: Europa in der Zerreißprobe zwischen den Kräften der Moderne – der spielerischen Intelligenz und der Handlungsschnelligkeit – auf der einen Seite und den Kräften des Defensiven und Destruktiven auf der anderen Seite. Bayern Münchens Multikulti-Ballett zerschellte vor der Europameisterschaft in der Champions League an der Betonmauer Atlético Madrid. Bei der EM scheitern die talentierten Österreicher an grätschenden Ungarn, Jogi Löws Kurzpass-Orchester vergeigt fast gegen das polnische Abwehrbollwerk, spanische Ballartisten straucheln beinahe am tschechischen Hochsicherheitsfußball. Ein italienisches Kollektiv aus Cleverness und Zerstörungseifer setzt sich gegen belgische Individualisten durch. Russische und kroatische Teams huldigen dem Rumpelfußball des letzten Jahrhunderts, während ihre Fans Innenstädte zu Kleinholz verarbeiten (und dafür teilweise Applaus von Sportfunktionären ernten). Und zwischendrin ein englisches Team, das eigensinnig seinen eigenen Weg sucht, aber auch in den nächsten 50 Jahren niemanden wirklich faszinieren wird. Europa ist – nicht nur fußballerisch – in sich zerrissen und sucht zwischen Tradition und Moderne seinen Weg nach vorne.

Im Moment scheinen die Rückwärtsgewandten das Rennen zu machen. So wissen wir mittlerweile, dass sich der rechte Populismus vor allem auch durch Zukunftsverweigerung auszeichnet. Sie münzen die Zukunftsangst der Menschen sehr clever in Wählerstimmen um. Populisten haben keine Gestaltungskraft, ihre destruktive Machtpolitik fußt alternativlos auf Verherrlichung des Gewesenen und Verneinung von konstruktiven Zukunftsentwürfen. Sie können keine Antworten geben und ernähren sich parasitär von der schlecht gelaunten Beschwörung einer Vergangenheit, in der angeblich einmal alles in Ordnung war. Wären sie an gestaltender Politik interessiert, würden sie ihre eigene Geschäftsgrundlage, das eskalierende Verstärken von Ängsten, zerstören.

Nicht nur die Populisten: Der transatlantische Zeitgeist tickt rückwärts

»Früher war alles irgendwie besser« – mit nostalgischer Vagheit werden Wählerstimmen gewonnen. Aber es sind nicht nur die Populisten, die Nostalgie und Retro zum Politikprinzip erhoben haben. Seit Jahren befinden wir uns in einer wirtschaftlichen, schlimmer noch: einer ideellen Stagnation. Wir trauen uns keine Zukunftsentwürfe mehr zu, weil Nostalgie und Vergangenheitsverliebtheit den Zeitgeist in Europa und Nordamerika beherrschen. Es ein visionsloses Klammern an einer vorgeblich besseren Vergangenheit. In den USA ergehen sich nicht nur die Republikaner, sondern auch die Demokraten in der sentimentalen Beschwörung eines scheinbar paradiesischen Momentes, den sie – jenseits der Parteigrenzen – im Nachkriegsamerika sehen (die Republikaner darüber hinaus zusätzlich noch in den 1980er Jahren der Reaganomics).

Nostalgie und Retro beherrschen auch die Kultur in Europa und Nordamerika. Eine Retromode jagt die nächste. Internet und On-Demand-Konsumkultur integrieren das auch nur kleinste Zucken einer rebellischen Gegenkultur in die durchkommerzialisierten Aufbereitungsanlagen des Mainstreams. Seit dem Hip Hop in den 1990er Jahren hat es keine einflussreiche Popkultur mehr gegeben, die neue Gesellschaftsentwürfe geprägt hätte. Der amerikanische Sozialphilosoph Yuval Levin hat diese gefährliche Sehnsucht nach dem idealen Zustand in der Vergangenheit in Wahlreden der Republikaner ebenso aufgefunden wie in Ansprachen Barack Obamas und anderer Demokraten. Sie alle huldigen dem Zeitgeist der »Good old times«, der uns jedoch unsere eigene Zukunft kosten könnte.

Die Verherrlichung der Vergangenheit macht blind für die Realitäten der Gegenwart

Eine Gesellschaft, die die Energie für ihre Zukunftsentwürfe nur aus der Beschwörung einer idealisierten Vergangenheit bezieht (»So wie es war, soll es wieder sein.«), läuft Gefahr, die sich schnell verändernden Realitäten der Gegenwart zu übersehen. Stichwort »Ungleichheit«: Wenn wir nicht aufpassen, zerfallen die USA ebenso wie die europäischen Volkswirtschaften in zwei Welten: eine der Chancenlosen und digital Abgehängten und eine der Reichen und Wohlstandsverwöhnten. Dafür müssen wir uns jedoch klarmachen, dass wir Zukunft nicht aus geschönten Erinnerungen und verzerrten Flashbacks bauen können.

Was können wir tun? Wir sollten den Provokationen der Populisten mit mehr Gelassenheit begegnen (ohne sorglos zu werden). Und dann sollten wir uns an die eigene Nase fassen und uns klarmachen, dass wir an der »Vertrashung« unserer Öffentlichkeit eine Mitschuld tragen. Neil Young hat kürzlich in einem Interview sinngemäß gesagt: »Wir bekommen jetzt noch einmal das serviert, was wir den Menschen jahrelang in den Daily Soaps, Reallife-, Scripted-Reality-Formaten vorgeführt haben: Distanzloses, menschenfeindliches, tendenziell rassistisches Verhalten.« Für die Konsumenten von diesem medialen Trash sind Trump und Gauland nur eine logische Fortsetzung in die Politik hinein.

Alles das geschieht nur wenige Stunden vor einem möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU. Wir können unsere Zerrissenheit überwinden, in dem wir uns von Nostalgie und Vergangenheitsverliebtheit verabschieden und den Aufbruch in die nächste Stufe der Moderne wagen. Die Schlüsselbegriffe dafür lauten: Dezentralisierung, Energiewende, Internet der Automobilität und Individualisierung:

  1. Das Gelingen der Energiewende ist ohne eine intakte EU nicht vorstellbar: Vereinzelt auftretende Energie-Retros wie Polens Kohlepolitik sowie Frankreichs und Großbritanniens halbherziger Flirt mit der Kernenergie sind bizarre nationale Alleingänge. Sie ändern nichts an der Tatsache, dass die Zeit der fossilen Großkraftwerke schon seit einigen Jahren vorbei ist. Arbeitsplätze, neue Geschäftsmodelle und nachhaltige Problemlösungen für die Zukunft des Globus gibt es nur in Verbindung mit erneuerbaren Energien.
  1. Internet der Mobilität: Es ist klar, dass wir für die Lösung unserer Mobilitätsprobleme ein Internet der Verkehrsinfrastrukturen brauchen. Momentan sind weltweit 1,2 Milliarden Autos auf den Straßen unterwegs. Damit es 2030 nicht 2,4 Milliarden werden, wie Prognosen vorhersagen, müssen wir den Verkehr schnellstens intelligent vernetzen. Hier liegt eine gigantische Herausforderung für alle Großstädte des europäischen Kontinents und darüber hinaus – und nicht nur für die deutsche Automobilindustrie. Auch dieses Zukunftsthema können wir nur im Rahmen einer zukunftsorientierten EU wirkungsvoll umsetzen.
  1. Die Dezentralisierung von Märkten und Dienstleistungen wird zum großen Zukunftsthema: Nicht nur die Energieversorgung, sondern auch der Gesundheitsmarkt, das Bankensystem, das Bildungssystem, viele andere Institutionen und vor allem auch unsere Lebensentwürfe werden sich in den kommenden Jahren weiter dezentralisieren. Das setzt voraus, dass Staaten, Regionen, Individuen weniger dirigistisch behandelt werden und Selbstmanagement und Autonomie zu einem handlungsleitenden Prinzip werden. Dafür müssen wir jedoch hart daran arbeiten, dass die EU nicht in eine EU der generösen Geber und der verarmten Bittsteller zerfällt.
  1. Wir dürfen die europäische Identitätspolitik nicht den Rechten und Populisten überlassen: Wir müssen EU-weit an einem neuen Gleichgewicht zwischen Individualisierung und Gemeinsinn arbeiten. Gerade osteuropäische Staaten müssen sich mit ihrer sozialistischen Herkunft auseinandersetzen können, um die Individualisierung ihrer Bürger und der staatlichen Institutionen vorantreiben zu können. Individualisierung ist insofern eine Grundvoraussetzung für die gelingende Vergemeinschaftung in einer intakten EU.

Die „Querelle“ zwischen Rückwärtsgewandtheit und Moderne ist längst noch nicht entschieden. Der Angeber Trump stürzt gerade in der Wählergunst ab. Spanien und Belgien beginnen, die eigene Lust am Spiel und am schönen Fußball zu entdecken. Wir kommen nicht weiter, wenn wir die Lösungen für unsere Probleme weiter in der Vergangenheit suchen. Das Gewesene wird ohnehin immer verklärt. Wir müssen den Aufbruch in die Zukunft wagen. Und der wird gekennzeichnet sein durch Dezentralisierung, Digitalisierung, Energiewende, vernetzte Mobilitätsströme und eine progressive Identitätspolitik.

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Weltverbesserer Blockchain: Was das Komplexitätsmonstrum über unsere gegenwärtige Zukunftsverzagtheit aussagt

Megatrends KolumneWichtige Problemlösungen für die kommenden Jahre werden darin bestehen, dass wir immer mehr Netzwerkintelligenz dort an den Start bringen, wo noch bis vor Kurzem knappe Güter wie Energie gehandelt wurden. In den digitalen Beziehungsgeflechten der Zukunft, in den intelligenten Kontexten und Kommunikationsräumen der Netze müssen wir Antworten für die anstehenden Schicksalsfragen unserer Gesellschaft finden: Wie wir aus der Idee des Sharings tatsächlich ein nachhaltiges Geschäftsmodell entwickeln können, wie wir weltweit auch Kleinbauern in Afrika zu Teilnehmern auf weltweiten Märkten machen können, wie wir Energie- und Mobilitätsströme so designen können, dass sie noch effizienter funktionieren. Das Komplexitätsmonstrum der Blockchain wird dazu einen wichtigen Beitrag leisten – trotz Technophobie und Zukunftsverzagtheit

Wir sind schon ein gutes Stück vorangekommen. Wir haben mit dem Internet den Informationsaustausch globalisiert und demokratisiert, sodass zumindest die halbe Welt (3,4 Milliarden Internetnutzer weltweit) relativ unbeschränkten Zugang zu Informationen hat. Wir sind dabei, unsere Dingwelt zu digitalisieren, und haben damit begonnen, komplexe technologische Gebilde wie Autos und Gebäude aus dem 3-D-Drucker rauszulassen. Hinter Schlagwörtern wie »Internet der Dinge« und »Industrie 4.0« deutet sich tatsächlich eine Revolution der Produktivität an, die in umweltbelastenden Branchen wie dem Flugverkehr und in belasteten Versorgungssystemen wie dem Gesundheitssektor für deutliche Effizienzsteigerungen sorgen wird.

Die Blockchain ist eine Weltverbesserer-Technologie

Das Internet, wie wir es kennen, bezieht nach wie vor sein weltverbesserisches Potenzial aus seiner dezentralen Struktur. Es gehört niemandem und lässt sich von keiner zentral-ideologischen Struktur steuern (auch wenn Trolle und Rechtspopulismus die erste große Sinndiskussion ausgelöst haben). Was in der schönen neuen Welt bislang jedoch fehlte, das waren intelligente Systeme, die unsere neue Micro-Transaktionskultur (Sharing, Mobile-Payment) tatsächlich auch auf digitaler Ebene darzustellen vermochte. Mit Blockchain-Netzwerken wird es demnächst ungleich einfacher möglich sein, komplexe Vorgänge wie Peer-to-Peer-Finanzierungen oder Car- und Roomsharing-Aktionen vertrauenswürdig abzuwickeln.

Die Blockchain ist eine digitale Architektur zur Speicherung von Daten, die von Entwicklern um das Open-Source-Projekt Bitcoin entwickelt wurde. Die Netz-Währung Bitcoin brauchte schlicht ein handhabbares digitales Verfahren. Man kann sich eine Blockchain als eine Kette von Datenblöcken vorstellen, die Transaktionen präzise speichert. Wenn eine Person am anderen Ende der Welt zehn Bitcoins an einen Geschäftspartner in Berlin überweist, wird dies in einem neuen Datenkettenglied der Bitcoin-Blockchain – für alle Blockchain-Teilnehmer sichtbar – notiert. Wenn der Empfänger anschließend fünf Bitcoins an eine weitere Person übergibt, entsteht ein neues Kettenglied und die Transaktion wird als Datenblock (Blockchain) notiert. Die Blockchain ist also eine sich in Realzeit aktualisierende Datenbank, die aus unzähligen Transaktionsblöcken zusammengesetzt ist, die jeder Interaktionsteilnehmer einsehen kann. Das ist das eigentlich Revolutionäre an der Technologie: Die Blockchain ist nicht (wie bei den handelsüblichen Datenbanken) auf einem zentralen Rechner abgelegt, sondern aktualisiert sich ständig auf jedem Rechner, der Teil des Blockchain-Netzwerks ist, was die Transparenz des Systems garantiert.

Mit der Blockchain geht der Umbau unserer Institutionen weiter

Die unschlagbaren Vorteile einer Blockchain bestehen auch darin, dass die klassischen Beglaubigungsstellen in unserer Gesellschaft (Banken und Notare) außen vor bleiben. Transaktionen, die über eine Blockchain abgewickelt werden, sind hochgradig zuverlässig, weil sie transparent und auf vielen Rechnern in „Originalversion“ nachverfolgbar sind. Die Software-Architekten dieser disruptiven Neuerung glauben dadurch auch nachhaltige Sicherheit gegenüber Hacker-Angriffen gewährleisten zu können. Denn wenn ein Hacker den Raum einer Blockchain betritt, muss auch er in seiner „Datenhistorie“ nachvollziehbar und vertrauenswürdig sein. Mit seiner Hacker-Absicht ist er im Datenprotokoll der Blockchain jedoch auffällig und wird aussortiert.

Energiewende 2.0 wird erst durch die Blockchain umsetzbar

Entscheidend ist, dass die Blockchain nicht nur Transaktionen und Abläufe bei Banken verändern, sondern viele Zukunftsmärkte auf eine neue Ebene der Produktivität heben wird. Beispiel Energie: Die Energiewende 2.0 zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht mehr nur regenerative Energie möglichst effizient erzeugt, sondern der Strom quasi auf personalisiertem Weg beim Verbraucher ankommt. Das meinen wir eigentlich, wenn wir von der Vision einer dezentralen Energieversorgung sprechen. In Brooklyn wird gerade von dem Startup LO3 Energy eine erste Blockchain getestet, die es erlaubt, kleinste Transaktionen zwischen Energieproduzent und Energienutzer zu protokollieren, ohne dass zusätzliche Kosten anfallen. Auch das Teilen von Musik im Internet kann durch die Blockchain ungleich genauer protokolliert werden, sodass Urheberrechte auch von winzigen Soundbites, die in andere Musikstücke übernommen werden, einklagbar werden. Mittels der Blockchain würde das Rechtemanagement in Musik und Kunst komplett neu definiert werden.

Und die Blockchain wird nicht nur den Ubers, Facebooks und Airbnbs nützlich sein, sie könnte auch Kleinunternehmern in Asien, Afrika und Südamerika dabei helfen, sich aus Armut und Chancenlosigkeit zu befreien. Das würde unter anderem dadurch möglich werden, dass mit einer Blockchain so etwas wie ein globales Grundbuchregister geschaffen werden kann, das die Eigentumsrechte von Kleinbauern nachweislich sichert. Um den Verkehrsinfarkt zu verhindern, wird in den kommenden Jahren ebenfalls eine Blockchain zum Einsatz kommen. Denn die Lösung für die zukünftigen Mobilitätsmärkte besteht in komplexen, multimodalen Verkehrsnetzen, die sich nur mit Blockchains steuern und kommerziell nutzen lassen. Und auch zu dieser Komplexitätsanstrengung gibt es meines Erachtens keine Alternative. Würden wir mit unserem Mobilitätskonsum so weitermachen wie bislang, hätten wir im Jahr 2030 2,4 Milliarden Autos auf den Straßen, momentan sind es 1,2 Milliarden.

Der Zeitgeist tickt reaktionär

Wie reagiert der hiesige Nachhaltigkeitsdiskurs darauf? Technologieskeptiker, zu denen mittlerweile auch ein Autor wie Harald Welzer gehört, machen es sich zu leicht, wenn sie sich ausschließlich an Überwachungs- und Gleichschaltungsgefahren der digitalen Netze aufhängen. Indirekt stützen sie damit eine Technologiefeindlichkeit, die sich unserem Retro-Zeitgeist unterwirft und eine sentimentale Sehnsucht nach „einfacheren Verhältnissen“ ausdrückt. Diese Einfachheit bekommen wir jedoch nur auf Kosten von Modernisierung und Demokratisierung. Die Alternativen zu weiterer digitaler Vernetzung sind Protektionismus, die reaktionäre Pseudo-Romantik des „Eigenen“ und eine Fortschrittsparalyse bei epochalen Projekten wie der Energie und Mobilitätswende. Momentan ist es chique, auf Einfachheit und technologiebefreite Unmittelbarkeit zu beharren. Die fatalen Konsequenzen wären gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Stillstand. Die Idee der Blockchain ist ohne Frage ein Komplexitätsmonster. Sie ist aber auch eine kluge dezentrale Innovation, die unsere Handlungsspielräume, gerade was ökoeffiziente Geschäftsmodelle angeht, deutlich erweitern wird.

Technologien wie die Blockchain stoßen unseren ängstlich verzagten und rückwärtsgewandten Zeitgeist auch deshalb vor den zukunftsmüden Kopf, weil sie noch einmal eine der vielbeschworenen disruptiven Neuheiten ankündigen, die innerhalb kürzester Zeit Märkte und Gewohnheiten aus den Angeln heben könnten. Mit der Blockchain könnten tatsächlich wichtige Stützpfeiler und Institutionen unserer Gesellschaft in den Vorruhestand verabschiedet werden: Banken, Notare, analoge Grundbücher et cetera – zentrale Vertrauens- und Beglaubigungsinstanzen unserer Welt also. Keine Frage, wir brauchen neue Institutionen und müssen die alten generalüberholen. Die Blockchain wird diese Prozesse in den nächsten Jahren radikal beschleunigen.

Die Blockchain und die veränderungsresistenten Verschwörungstheoretiker

Mit Techno-Skeptizismus kann man in unserer augenblicklich von Alarmismus, Paranoia und Verschwörungstheorien kontaminierten Aufmerksamkeitsökonomie sicherlich noch ein paar Leser und die eine oder andere Rezension mehr hinzugewinnen. Für die Zukunft unserer Gesellschaft brauchen wir mehr denn je das Vertrauen in Technologien, die unseren eingeübten Umgang mit Ressourcen durch intelligente Vernetzung hinterfragen und effizienter machen. Die Blockchain wird in einigen Jahren dazugehören. Den Verfechtern des reaktionär-sentimentalen Zeitgeists, der momentan die Bühnen unserer Aufmerksamkeitsökonomie beherrscht, sei aus dem Souffleurkasten des Zukunftsforschers zugerufen: Ihr werdet nicht gewinnen. Ihr könnt die Welt nur populistisch umdeuten, weil ihr keinen Mut habt, sie zu verändern. Megatrends wie Energiewende, Neourbanisierung, Digitalisierung und Individualisierung entfalten jedoch eine materielle Kraft, die Zukunftswege erschließt. Früher oder später werden die Menschen merken, dass man mit Angstkampagnen die Welt nicht verbessern kann.

P.S.: Bertolt Brecht, der geniale Dichter und Denker in Zeiten gesellschaftlich-ökonomischer Totalveränderungen und Ausnahmezustände, hätte an der Blockchain-Idee seinen Spaß gehabt. In der „Dreigroschenoper“ fällt bekanntlich der vielzitierte Satz: »Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?« Blockchains können unseren Umgang mit Geld und Ressourcen radikal verändern. Wir sollten das begrüßen.

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»Grüne« Chemie: Wie eine Branche für den Sprung ins postfossile Zeitalter sorgen kann

Megatrends Kolumne

Der weltweite Chemie-Markt boomt. Laut Roland Berger wird sich das Volumen bis 2035 mehr als verdoppelt haben, was einem schwindelerregenden Wert von über 5,2 Billionen Euro entspricht. Ein wichtiger Treiber für die steilen Wachstumsaussichten: »grüne« Chemie, die nicht weniger als das Ende des Erdölzeitalters bedeuten kann.

Unter »grüner« Chemie versteht man die Entwicklung, Herstellung und Verwendung von energie- und materialeffizienten und umweltschonenden Chemikalien und chemischen Prozessen. Das bedeutet konkret: »Grüne« Chemie steht für sichere und saubere Chemikalien und kann in den kommenden Jahren dafür sorgen, dass wir bei gleichbleibendem Wohlstand weniger Energie benötigen und weniger giftige Inhaltsstoffe den Weg in die Produkte unseres Konsumalltags finden. Möglich wird das durch den verstärkten Einsatz nachwachsender oder recycelbarer Rohstoffe oder Abfälle als Alternative zum Erdöl sowie die Herstellung von umwelt- und gesundheitsverträglichen Inhaltsstoffen, die für die Produktion zahlreicher Gegenstände des Alltags benötigt werden.

Chemie aus der Natur bald Alltag

Wie gegenwärtig »grüne« Chemie in unserem Alltag ist (oder noch nicht ist), lässt sich verdeutlichen, wenn man sich die vielen möglichen Anwendungsgebiete vor Augen hält: Biochemische Brennstoffzellen (Strom aus natürlichen Vorgängen, mit organischen Materialien), biologisch abbaubare Verpackungsmaterialien, chlorfreie Bleichtechnologien (bei der Herstellung von Papierprodukten), »grüne« Kunststoffe (Plastik, recycelbar, abbaubar aus ölfreier Herstellung) oder wässrige Lösungsmittel (weniger Gifte). Viele Lebensmittel, Haushaltsprodukte (Waschmittel, Reiniger, Kosmetika, Medikamente) und andere Alltagsgegenstände (Handy, Spielzeug, Computer, Teppiche) werden gegenwärtig immer noch mit fossilen Ressourcen und unter umwelt- und gesundheitsschädlichen Bedingungen hergestellt. »Grüne« Chemie hat das Potenzial, dies zu ändern und den Ausstieg aus einer erdölbasierten Wirtschaft in eine postfossile Welt zu bewirken.

Weiße Biotechnologie für eine »grüne« Zukunft

Als besonders innovativer und zukunftsweisender Ansatz der »grünen« Chemie gilt die sogenannte »weiße Biotechnologie« (auch «industrielle Biotechnologie« genannt), die für ein industrielles Produktionsverfahren steht, das völlig auf fossile Brennstoffe verzichtet. Zur Herstellung und Verarbeitung von Chemikalien wird komplett auf biologische Prozesse und die Nutzbarmachung von Bakterien, Hefen und Schimmelpilzen und deren Enzymen in Bioreaktoren gesetzt. Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass in zehn Jahren 20 Prozent aller Chemikalien mit der »weißen Biotechnologie« hergestellt werden.

Konsumenten sind bereit, Unternehmen auch

Begünstigt wird die weitere Verbreitung »grüner« Chemie durch das gestiegene Bewusstsein der Konsumenten. Quer durch alle Branchen und Lebensstile sind die Themen »Gesundheit«, »Nachhaltig« und »Umwelt« längst zu festen Koordinaten des Einkaufsverhaltens geworden. Nicht zuletzt deshalb steigt auch das Interesse der Unternehmen. Studien zeigen zudem auf, dass Unternehmen durch den Einsatz nachhaltiger Chemieverfahren kurz- und langfristig Kosten sparen, etwa für die spätere Haftung von Umwelt- oder Gesundheitsschäden.

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Auftritt der nachhaltigen Konsumindividualisten

Neue LebenssMegatrends Kolumnetile klopfen an unsere Tür. Wir erleben gerade das Debut einer neuen Spezies von Konsum-Individualisten, die mit dem drängenden Bedürfnis nach Autonomie gegenüber unserer alten Versorgungsinfrastruktur auftreten. Die Frage, die sich stellt: Ist das ein weiterer belangloser Schritt in der Verfeinerung unserer Wünsche oder kann Individualisierung auch nachhaltig sein? Kurz-Anatomie eines gesellschaftlichen Wandels

Lebensstiltrends entwickeln sich besonders dann mit besonderer Eindringlichkeit, wenn sie von technologischen und sozioökonomischen Innovationen begleitet werden. Das ist momentan der Fall bei einer neuen Spezies von Konsumrebellen, die vor allem eines wollen: ihr Leben und damit die Art und Weise, wie sie ihren Alltag gestalten, wie sie arbeiten, genießen und sich fortbewegen, möglichst autonom zu organisieren.

Diese »neuen Autonomen« erhalten seit längerer Zeit schon Unterstützung für ihre Lebensentwürfe durch den technologischen Wandel. Sie möchten sich frei machen von allem, was sie in ihren Wünschen und Bedürfnissen limitiert. Das beginnt bei Ladenöffnungszeiten, geht über das begrenzte Angebot von Zuckerschotenvarianten im Lebensmitteleinzelhandel und endet noch lange nicht bei der Skepsis gegenüber herkömmlichen Restaurants, die die Mehrzahl ihrer Menübestandteile bei Großhändlern einkaufen.

Weg von den Versorgungswegen des 20. Jahrhunderts

Wer das Kundenverhalten in der westlichen Welt durch das gesamte 20. Jahrhundert hindurch beobachtet (ganz egal, ob im Einzelhandel, bei der Telekommunikation oder anderer Mediennutzung, auf dem Gesundheitssektor oder auch in der Bildung), der stellt Folgendes fest: Je mehr in diesen Branchen Innovationen an den Start gebracht wurden, umso mehr gewährleisteten es diese Innovationen, dass Kunden zeit- und raumunabhängiger konsumieren konnten. Das hat – beschleunigt durch die disruptive Innovation des Smartphones und der Digitalisierung – dazu geführt, dass wir alle von Produkten und Dienstleistungen immer selbstverständlicher verlangen, dass sie uns dezentral ansprechen und ihre Leistungen möglichst personalisiert gestaltet sind.

Was wir gerade erleben (ob von Technologie- und Megatrends initiiert oder vor allem »Lebensstilgründen« entspringend, lässt sich nie abschließend entscheiden), ist das Entstehen von neuen Lebensentwürfen, die individuell und autonom sein wollen, unabhängig von den alten Gatekeepern des 20. Jahrhunderts: Massenware im Supermarktregal, im Plattenladen, bei Arzt und Apotheken … überall. Diese neue dezentrale Lebensstil-Avantgarde möchte aber noch viel mehr: Sie misstraut allen standardisierten Angeboten auch auf Feldern wie Energie, Rundfunk und Mobilität. Mit anderen Worten: Die neuen Konsumindividualisten zielen auf einen ex-zentrischen Lebensstil, der radikal die hergebrachten Infrastrukturen des 20. Jahrhunderts hinter sich lassen möchte.

Nicht die nächste hippe Zielgruppe, sondern ein gesellschaftlicher Wandel

Wir sollten nicht glauben, dass diese Bewegung »irgendwie« eine neue Zielgruppe darstellt. Der Wandel, der sich hiermit abzeichnet, ist ungleich fundamentaler. Die Menschen beginnen, sich ihre Lebenswelt für die kommenden Jahre in einer digital-nachhaltigen Gesellschaft einzurichten. Der Kaufmann und der Drogist um die Ecke sollten das ebenso wenig unterschätzen wie der Autohändler, der Sparkassenfilialleiter, der Hausarzt oder der örtliche Energieversorger. Diese neuen Lebensstile lassen sich nicht einfach gesellschaftlichen Milieus zuordnen. Sie zielen nicht nur auf »Biobürger«, den »Mainstream«, die Besserverdienenden, die Generationen X oder Y oder die Unterschichten. Der Trend, so wie er gerade startet, lässt sich altersindifferent und in nahezu allen sozialen Schichten beobachten (ansonsten wäre es kein substanzieller Trend). Nachhaltigkeit spielt in ihren Wünschen und Visionen eine ganz entscheidende Rolle. Die meisten von den Konsumindividualisten setzen die Nachhaltigkeit ihrer Rahmenbedingungen (Lebensmittel, Energie, Mobilität) schlicht voraus, deswegen können wir sie durchaus als nachhaltige Individualisten bezeichnen. Oder anders gesagt: Individualität gewinnt für sie erst dadurch ihren Reiz und ihre lebensweltliche Stimmigkeit, dass sie Nachhaltigkeitsgesichtspunkten entsprechend umsetzbar ist.

Die neuen Individualisten sind altersindifferent und in nahezu allen Schichten auffindbar

In die Kategorie der nachhaltigen Konsumindividualisten fallen sowohl reaktionäre Einzelgänger, die keine Lust haben, GEZ-Gebühren zu zahlen, Energieautarkie anstreben und ihre eigenen Nutztiere züchten. Wie auch clevere Sparfüchse aus der gesellschaftlichen Mitte, die sich dank ihres Wärmetauschers auf dem Dach und dem Hybridauto in der Garage ein Stückchen unabhängiger fühlen wollen. Hierzu gehört natürlich auch der gutverdienende Techno-Optimist, der von einem individuellen »Energy-Grid« träumt, an den sein Tesla ebenso angeschlossen ist wie das Miniblockheizkraftwerk im Keller. Und zu ihnen gehört der studentische Frugalist, der eine Welt aus Peer-to-Peer-Verbindungen vor Augen hat, an die Sharing-Idee glaubt und lieber heute als morgen sein Gemüse in Vertical-Farming-Anlagen wachsen sehen möchte.

Das Phänomen der nachhaltigen Individualisten ist natürlich nicht nur auf Europa begrenzt. In den USA hat sich in den vergangenen Jahren die Small-House- oder Tiny-House-Bewegung viel Aufmerksamkeit verschafft. Nach der Immobilienkrise hat dort das CO2-neutrale Wohnen in winzigen Häusern einen unbestreitbaren Charme. Moderne Weltverbesserer von der University of Tennessee haben gerade ein Tiny House entwickelt, das im 3-D-Drucker hergestellt wird. Der Clou: Das dazugehörige CO2-neutrale SUV-Auto kommt ebenfalls aus dem digitalen Dingedrucker. Haus und Auto teilen und nutzen den Solarstrom gemeinschaftlich. Aus geduldigen, erduldenden »Endverbrauchern« werden in den kommenden Jahren immer mehr Konsumindividualisten, die hohe Ansprüche an Ethik und Ökologie haben. Das Irritierende und zugleich Spannende an diesem Trend ist, dass der dezentral-digitale Lebensstil der nachhaltigen Individualisten radikal die klassischen Bindungen an unsere (Konsum-)Gesellschaft kappt. Die Individualisten stellen in Frage, dass man täglich acht bis zehn Stunden arbeiten gehen muss, am Wochenende im Supermarkt auf der »grünen Wiese« einkaufen geht und alle vier Jahre seine Stimme als Staatsbürger abgibt.

Digitalisierung und Dezentralisierung sind die Megatrend-Pfeiler des Wandels

Die Digitalisierung krempelt gerade alle Märkte und Industrien um. Dezentralisierung und Individualisierung werden bis 2030 in alle Lebensbereiche vordringen. Und die vielbeschworene digitale Disruption macht auch vor der Landwirtschaft nicht halt. Momentan verschlingt die Landwirtschaft noch 70 Prozent des nutzbaren Frischwassers auf der Erde. Eine unglaubliche Verschwendung (und eine schwere Hypothek für künftige Generationen). Die digitale Disruption der Landwirtschaft wird eines der aufsehenerregendsten Zukunftsprojekte der kommenden Jahre sein. Vertical Farming, die Kultivierung von Obst und Gemüse in hochhausartigen Türmen, in denen Wasser in Kreislaufwirtschaft, LED-Lampen und tausende von Sensoren ein „Internet der Ernährung“ bilden, wird Herstellung und Vertrieb von Nahrungsmitteln auf neue Beine stellen. Raymond Kurzweil, Cheftechnologe von Google, geht davon aus, dass die 2020er-Jahre eine Ära der dezentralen Nahrungsmittelproduktion und des Vertical Farmings sein werden. Der Pestizideinsatz wird dabei deutlich reduziert. Das junge Unternehmen FarmedHere®, das in der Nähe von Chicago ein 9000 Quadratmeter großes vertikales Gewächshaus betreibt, beliefert mittlerweile 50 Filialen des amerikanischen Ökosupermarktes Whole Foods Market.

Die nachhaltigen Konsumindividualisten sind digital bestens vernetzt und legen in der Ernährung großen Wert auf lokale Wertschöpfung und Eigenanbau. Noch einmal: Es sind keine weltfremden Aussteiger, sondern konsumskeptische, häufig gut verdienende Menschen, die aus der Mitte unserer Gesellschaft kommen. Irgendjemand hat sie bestimmt schon als Generation-on-Demand oder Transkonsumenten beschrieben. Wir sollten sie nicht als ideologische Neo-Ökos, Konsumverweigerer oder Alternative missverstehen. Sie werden den Konsum auf unseren Märkten in den kommenden Jahren spürbar verändern, weil es ihnen eine Lust ist, Nachhaltigkeit individuell zu leben.

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Maschinenstürmer, Technophobiker und Populisten betrügen uns um die Zukunft

Megatrends Kolumne

Nur weil Untergangsszenarien gerade Hochkonjunktur haben, sollten wir uns den Blick auf die Realität nicht verstellen lassen. Die Roboter werden uns nicht entmachten. Uns geht in absehbarer Zeit auch nicht die Arbeit aus. Doch der kommende technologische Wandel könnte die Ungleichheit in unserer Gesellschaft dramatisch vergrößern. Dystopien vom rechten Rand und aus der Welt der neomittelalterlichen Maschinenstürmer helfen da nicht weiter.

Als ich vor ein paar Wochen wieder einmal zu spät zu einer Tagung an einer angesehenen Finanzhochschule kam, schienen bereits einige unangenehme Wahrheiten ausgesprochen worden zu sein. In der gerade laufenden Podiumsdiskussion bezogen sich die Diskutanten auf die Zahlenschätzung einer Professorin, wonach wir demnächst mit 18 Millionen Arbeitsplätzen weniger zu rechnen hätten. Der Grund dafür, so erfuhr ich nach und nach, sei die fortschreitende Automatisierung und natürlich die Roboter. Die Herkunft der in der Tat deprimierenden Zahl (und ob sie wirklich einer seriösen Berechnung entstammt) konnten wir bislang nicht klären.

Die Roboter übernehmen – wirklich?

Auch von prominenter Seite wird seit Monaten mit Phantasiezahlen operiert, wenn es darum geht, die Zukunft unserer Arbeitswelt zu erklären. Robert Reich, ehemaliger Arbeitsminister unter Obama, verkündet, weil die Zahl so schön einfach ist, kurzerhand, dass mittelfristig die Hälfte aller amerikanischen Arbeitsplätze an die immer intelligenteren Maschinen verloren gehen würde. Eine Oxford-Studie sieht mittelfristig 47 Prozent aller amerikanischen Arbeitsplätze in Gefahr. McKinsey hat vor mittlerweile drei Jahren ausgerechnet, dass rund 40 Prozent aller Wissensjobs künftig von smarten Maschinen und selbstlernender Software erledigt würden. Gerade letztere Zahl hatte eine hohe Brisanz, weil in der McKinsey-Studie anschließend recht schlüssig erklärt wird, dass die dabei verloren gehenden Arbeitsplätze für die wohlstandsverwöhnte Mittelschicht nicht zu ersetzen seien.

Alles das passt gerade wunderbar in unsere öffentliche Empörungs- und Skandalisierungskultur. Was der menschenverachtende Populismus von AfD, Trump und FPÖ über die Bildschirme ausschüttet, liefern Ökonomen jetzt für die wirtschaftliche Gesamtlage nach. Nix ist mehr sicher. Nicht nur die Asylanten nehmen uns die Arbeitsplätze weg, sondern auch die untoten Maschinen sorgen demnächst dafür, dass dem Menschen die Arbeit ausgeht und damit die Existenzgrundlage genommen wird. Die Maschinen übernehmen, und spätestens in 50 Jahren fragen sie nicht mehr danach, wofür der Mensch überhaupt da ist, da sie ihr eigenes Maschinenreich errichtet habe. Paranoide Zeiten, in denen wir aktuelle leben. Keine Frage, die Mensch-Maschine-Schnittstelle wird gerade neu definiert. Noch nie sind die Maschinen uns nah gekommen wie jetzt. Wir müssen in nächster Zeit entscheiden, wie weit wir Maschinenintelligenz bei existenziellen Fragen tatsächlich auch mitentscheiden lassen wollen.

Keine dramatischen Arbeitsplatzverluste in der EU

Es ist jedoch unangebracht, von einem neuen totalitären Maschinenzeitalter zu sprechen. Das befeuert höchstens die Weltuntergangsphantasien der politischen Populisten, die keine sozioökonomische Vision haben, sondern nur mit den Ängsten verunsicherter Menschen spielen. Tatsächlich werden wir in Europa in den kommenden 30 Jahren keine solch dramatischen Arbeitsplatzverluste durch die Automatisierung erleben. Auf absehbare Zeit werden es, laut aktuellen Berechnungen der OECD, rund neun Prozent der Arbeitsplätze in der EU sein, die der Automatisierung zum Opfer fallen. In Deutschland, Spanien und Österreich werden es zwölf Prozent sein, in Ländern wie Finnland und Estland dagegen nur sechs Prozent. Kein Grund zur Panik also und kein Grund, nach einem starken Führer zu rufen, der uns die bescheidenen industriellen Lebensverhältnisse von vor hundert Jahren (Auto, Atom, Kohle, Konsum) als Erlösungsszenario clevererweise noch einmal verkauft. Nichts anderes haben die Dystopien der AfD, des Front National und der Goldkettchenfraktion von Putin, Trump oder Erdogan in den vergangenen Monaten getan.

Die Mitte der Beschäftigung wird verschwinden

Unsere ökonomisch-technologische Evolution in den kommenden zehn bis 20 Jahren lässt sich mittlerweile relativ gut erklären. Nach wie vor ist es sinnvoll, in hohe berufliche Qualifikation zu investieren. Denn diejenigen Jobs, die künftig am stärksten in Automatisierungsgefahr geraten, sind die, bei denen der Automatisierungsanteil ohnehin schon hoch ist, also standardisierte Jobs mit niedrigen Anforderungen. Diese Jobs mit geringer Qualifikation laufen in den nächsten Jahren zusätzlich Gefahr, exportiert zu werden oder in neuen Arbeitsumgebungen organisiert zu werden, was wiederum neue Anforderungen an die Ausübung der Tätigkeiten bedeutet.

Die paranoide Phantasie von einer Welt, die von Computern und Robotern beherrscht wird, blendet diese Realität aus. Hinter der permanenten Angstbeschwörung geht der Blick auf ein zukunftswichtiges Trendthema verloren. Die Tatsache nämlich, dass die zunehmende Automatisierung in den nächsten Jahren dazu beitragen wird, dass sich der Arbeitsmarkt weiter polarisieren wird. Durch Standardisierung und Automatisierung liegt das Risiko der Geringqualifizierten, im EU-Raum ihren Job zu verlieren, bei 40 Prozent. Bei den Hochqualifizierten sind gerade einmal fünf Prozent dieser Gefahr ausgesetzt. Hier liegt der eigentliche soziale Sprengstoff der Softwareisierung und Automatisierung. Die ökonomische Mitte der Arbeitswelt wird verschwinden. Das wiederum führt dazu, dass ein Run auf schlechter bezahlte Jobs einsetzen wird, was letztlich dazu führen könnte, dass die niedrigen Löhne weiter gedrückt oder zementiert werden, so dass ein Phänomen wie Armut-on-the-Job (»in-job poverty«) sich stark ausbreiten könnte.

Die kommenden Jahre

Keine Frage, das Vorrücken der intelligenten Maschinen und der selbstlernenden Software in den Alltag unseres Lebens und der Arbeit hat ein ungekanntes Ausmaß erreicht. Wir befinden uns an einem Punkt, an dem die Maschinen nicht mehr nur die Arbeit erleichtern und industrielle Prozesse beschleunigen, sondern auch immer mehr aktiv in Entscheidungsprozesse eingreifen.

Wie wir dieser neuen Situation begegnen können, lässt sich anhand von vier Trends beschreiben:

1.) Technologische Entwicklung verläuft langsamer als angenommen: Der Wandel durch Digitalisierung und Robotik wird deutlich länger dauern als bislang angenommen. Gerade bei den humanoiden Robotern sind die Entwicklungsfortschritte der letzten Zeit eher bescheiden. In den USA sind die Investitionen in Computertechnologie seit dem Jahr 2000 sogar um 25 Prozent zurückgegangen. Auch das spricht nicht unbedingt dafür, dass Big Data, das Internet der Dinge etc. unsere Arbeitswelt demnächst im Handumdrehen entmenschlichen werden. Berechnungen belegen vielmehr, dass dort, wo ein Job im Hightech-Sektor geschaffen wird, im Anschluss fünf weitere Arbeitsplätze entstehen. Im Übrigen entwickelt sich die Robotik nicht so dynamisch und invasiv wie Kulturpessimisten und Maschinenstürmer uns glauben machen wollen. Die Verkäufe von Servicerobotern stagnieren seit einiger Zeit. Dafür haben sie laut Metra Martech allein in der Automobilindustrie bislang rund 1,5 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen.

2.) Digitalisierung wird sich regional erden: Ein weiteres Mittel gegen die Polarisierung der Arbeitswelt findet sich in dem nächsten technologische Sprung, der uns unmittelbar bevorsteht. Wenn sich nämlich das Internet der Dinge, wie seit Langem absehbar, in Industrie und Fabrikation vorarbeiten wird, wird es auch in bislang wenig digitalisierten Regionen ankommen. Und wenn die Digitalisierung in dieser Weise auch in Institutionen des Gesundheitssektors und in der Verwaltung vordringt, dann werden Wissensjobs stärker dezentral verankert. Internet der Dinge und Industrie 4.0 werden dann Wissensjobs auch in ländliche Regionen tragen (vgl. hierzu Megatrends!, Juni 2016). Eine Riesenchance, auf die sich Unternehmen, aber insbesondere Kommunen und Verwaltungen schon heute einstellen sollten.

3.) Face-to-face und Kreativität sind Alleinstellungsmerkmale in der digitalen Ära: Berufe, bei den zwischenmenschlicher Kontakt im Vordergrund stehen, also vor allem Arbeitsplätze auf dem medizinischen und pflegerischen Sektor, werden Robotik und Automatisierung eher als Unterstützung nutzen. Daneben werden natürlich hochqualifizierte Arbeitsplätze entstehen, bei denen es darum geht, unstrukturierte, komplexe Probleme auf kreative Weise zu lösen.

4.) Prekäre Lage der Niedriglohn-Nomaden: Insgesamt neun Prozent der gegenwärtig vorhandenen Arbeitsplätze werden der Automatisierung zum Opfer fallen. Wichtiger sind jedoch rund 25 Prozent der bereits ansatzweise automatisierten Arbeitsplätze. Sie sind im EU-Raum in den nächsten Jahren akut gefährdet, weil die Hälfte dieser Tätigkeiten durch neue Technologieschübe komplett neue Anforderungsprofile erhalten werden. Menschen in diesen Niedriglohn-Jobs müssen ihre Qualifikation permanent an den technologischen Wandel anpassen und sollten darüber hinaus stärker als bislang zu Arbeitsplatz- und Ortswechsel bereit sein.

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Ende einer Ära – Willkommen im postfossilen Zeitalter!

Megatrends Kolumne

Saudi-Arabien plant seine Zukunft mit Solarenergie. Weltweit führende Kohleförderer gehen in Konkurs. Erdölkonzernen steht eine dramatische Schrumpfungskur bevor. Wir verabschieden uns von der fossilen Energiewelt. Politische Instabilität wird ein Nebeneffekt dieses dramatischen Wandels sein.

Zukunft passiert. Und unser Weg in die kommenden Jahre lässt sich ziemlich klar mit wenigen Begriffen beschreiben. Wir kommen aus dem 20. Jahrhundert, das dominiert war von Autos, Verbrennungsmotoren, Kohle-, Gas- und Kernenergie. Ressourcenhedonismus, Energie und Mobilität auf der einen Seite. Zentralisierte Telekommunikationsmärkte und lineare Medien (dualer Rundfunk, klassischer Printmarkt) auf der anderen Seite. Das 21. Jahrhundert wird dagegen geprägt sein von Erneuerbaren Energien, die ein »Internet der Energie« mittels digitaler Prozesse hocheffizient machen werden. Kohle und Atomkraft werden keine Rolle mehr spielen. Wir werden uns im Infrastruktursektor mit vernetzten, ebenfalls regenerativ betriebenen Mobilitätslösungen fortbewegen. Medien werden in den kommenden Jahren noch stärker durch Dezentralisierung und dem Bedürfnis nach immer mehr Personalisierung transformiert werden.

Wenn selbst die »Saudis« in Solar investieren …

Der rasant ins Nichts fallende Ölpreis hat dazu geführt, dass die Saudis händeringend nach einer alternativen Erfolgsstory für das 21. Jahrhundert Ausschau halten. Seit einigen Jahren schrumpfen die Währungsreserven in einem Land, das sich mit unfassbarem Reichtum nach außen darstellt, gleichzeitig Menschen versklavt, Frauen unterdrückt und von himmelschreiender Ungleichheit geprägt ist. Es ist nicht zu erwarten, dass sich der Ölpreis jemals wieder in Richtung 100 US-Dollar pro Barrel orientiert. Und selbst die saudischen Ölscheichs verkünden große Pläne für den Ausbau von Erneuerbaren Energien. Das Haushaltsdefizit hat mittlerweile die astronomische Summe von 98 Milliarden US-Dollar erreicht. Bis ins Jahr 2032 sollen insgesamt 41 Gigawatt Solarenergie installiert werden (Fotovoltaik in Deutschland 2014: 39,7 Gigawatt). 16 Gigawatt werden über Solarpanele installiert, die übrigen 25 Gigawatt sollen aus gigantischen Solarthermieanlagen kommen.

Was wir gerade erleben, ist das Ende des fossilen Zeitalters. Es geht gar nicht um den sogenannten »Peak Oil« (Ölfördermaximum), der wahrscheinlich niemals stattfinden wird. Momentan sind wir besoffen von Kohlenstoffen, die in Form von Öl und Gas gefördert werden und noch in hohen Mengen im Boden liegen. Worum es geht, ist, dass die Kohlenwasserstoffe, die sich in rauen Mengen noch in der Erde befinden, nicht gefördert werden dürfen. Denn das würde – das ist jetzt schon klar – den definitiven Abschied von unseren Klimazielen bedeuten.

In den USA wurden gerade 20 »schmutzige« Energieprojekte gestoppt

Mit dem Ausstieg von Börsenschwergewichten wie Allianz, Axa und den steinreichen norwegischen Pensionsfonds aus Kohleunternehmen (Divestment) unmittelbar vor der Pariser Klimakonferenz ist eine Lawine in Bewegung geraten, die schneller als geahnt auch die Erdölindustrie in Existenznot bringen könnte. Auch wenn das Kohle-Desinvestment zunächst vor allem symbolisch wirken wird: Die Allianz wird in einem ersten Schritt nicht mehr in Bergbau- und Energieunternehmen investieren, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes beziehungsweise ihrer Energieerzeugung aus Kohle gewinnen. In den USA sind den Untersuchungen von InsideClimate zufolge gerade 20 Projekte gestoppt worden, darunter Minenprojekte, Pipelines, Großkraftwerke und Schiffsterminals für Flüssiggas aus Fracking. Der Stopp geht auf den niedrigen Ölpreis zurück, mitunter ist er auch von öffentlichen Protesten motiviert oder dem Druck von NGOs motiviert. Nach dem zweifelhaften Fracking-Hype in den USA beginnt jetzt ein Solarboom Platz zu greifen, während gerade die zwei größten Kohleförderer des Landes (Peabody Energy und Arch Coal) ihren Bankrott erklärten. Die Epoche der schmutzigen Energien geht definitiv zu Ende.

Der energietechnische Epochenbruch verschärft politische Unruhen

Der Abschied vom fossilen Zeitalter bedeutet allerdings nicht nur, dass wir uns von einer naturzerstörenden Art der Ressourcennutzung verabschieden werden. Hinter der Erdöl-, Erdgas-, Atom- und Kohledämmerung verbergen sich auch knallharte finanzielle und geostrategische Risiken. Wenn Öl und Gas, wie ökologisch dringend geraten, im Boden bleiben, verhagelt das die Bilanzen nicht nur von Erdölunternehmen wie Shell und Exxon. Es schlägt auch bei Unternehmen, Banken und Fonds ins Kontor, die gefördertes Erdöl und margenträchtige Beteiligungen an Erdölunternehmen schon in die Bilanzen der kommenden Jahre eingepreist haben. Gerade Erdöl ist darüber hinaus nach wie vor eine Substanz, mit der fragile innenpolitische Gleichgewichte hergestellt werden. Nicht nur in Saudi-Arabien, sondern auch im Iran, in Russland, Nigeria und Nordafrika wird mit Erdöl und daraus resultierendem Wohlstand die Bevölkerung ruhig gehalten.

Die Erdölgiganten BP, Chevron, Shell, Total und Exxon leiden schon jetzt heftigst unter dem Ölpreis. Eine aktuelle Studie sieht für die Energiegiganten keinen anderen Weg, als sofortige Managementmaßnahmen für eine lange Stagnationsphase zu ergreifen. Damit den Unternehmen eine softe Landung (gentle decline) in der postfossilen Realität gelingt, wird es nötig sein, dass das alte Geschäft mit den fossilen Ressourcen auf die umsatzstärksten Regionen und Technologien konzentriert wird. Mega-Mergers und Panik-Akquisitionen werden bei den Ölmultis nicht ausbleiben. Diversifizierung der Angebote in Richtung Erneuerbarer Energien werden ebenfalls stattfinden – können aber den Zusammenbruch des alten Geschäftsmodells nicht aufhalten.

Durch eine konsequent eingehaltene Divestment-Strategie würden der Weltwirtschaft in nächster Zeit deutliche Umsatzeinbußen bei einem Drittel(!) aller Aktienwerte entstehen, so hat es die Bank of England jüngst in einer Studie prognostiziert. Unser Abschied aus der fossilen Wohlstandskultur des 20. Jahrhunderts bedeutet also auch, dass weitere politische Gleichgewichte ins Wanken geraten könnten, sodass zusätzliche Unbestimmtheitsmomente in die multipolare Weltordnung hineingetragen werden.

Drei Aspekte sind bei dieser Zeitenwende besonders wichtig:

  1. Klimawandel krempelt Märkte um: Der Klimawandel wird immer häufiger zur primären Richtlinie wirtschaftlichen Handelns. Wer glaubt heute noch an Ölpreissprünge, wenn E-Autos um 2020 herum genauso viel kosten werden wie benzinschluckende Pkw und gerade ein globaler Sonnen- und Windenergieboom stattfindet?
  1. Der Peak Oil kommt nie: Die Argumente für ein »Weiter so« in der Energie- und speziell der Ölindustrie verlieren ihre Schlagkraft auf breiter Front. Ein Peak Oil ist nicht absehbar, das Gegenteil ist der Fall. Und auch bei den konservativsten Investoren ist der Gedanke angekommen, dass der Ölpreis mittelfristig auf niedrigem Niveau verharren wird, während die Produktionskosten kaum noch zu senken sind.
  1. Erdöl, Kohle und Atom sind ab sofort ökonomisch unvernünftig: Der berühmte Tipping-Point ist da – wir starten in eine neue Ära: Wenn die Mobilitäts- und Wärmewende funktionieren soll, brauchen wir dringend Strom aus nachhaltigen Quellen. Länder wie die Niederlande, Österreich und Indien haben angekündigt, dass sie Anfang der 2020er Jahre Schluss machen wollen mit benzinangetriebenen Fahrzeugen. China und Indien investieren massiv in die Installation von Erneuerbaren. Es ist mittlerweile irrational, auf Großkraftwerksprojekte und Energiedinosaurier aus Öl, Kohle und Atom zu setzen.

 

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TTIP: Nichts als eine Blaupause für Verschwörungstheoretiker?

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Das TTIP-Abkommen trägt alle Anzeichen der veralteten Machtpolitik des 20. Jahrhunderts: marktgläubig, intransparent und Lichtjahre entfernt von den veränderten Bedürfnissen der Menschen. TTIP ist ein bürokratischer Homunculus, der Innovation und Zukunftsfähigkeit blockiert und nicht stimuliert. Der Entwurf des europäisch-amerikanischen Freihandelsabkommens wirkt, als wäre es von den Spindoctors der Rechtspopulisten selbst in die Welt gesetzt worden, um neue Verschwörungstheorien zu basteln. Wo wird uns das Abkommen hinführen? Welche Entwicklungen wird es auslösen?

Wir haben Post aus den 1990er Jahren. Als Tony Blair und Gerhard Schröder, Joschka Fischer und Oskar Lafontaine (die links(neo)liberalen „Chicago-Boys“) an die Selbstheilungskräfte des freien Marktes glaubten. TTIP wirkt wie ein vergiftetes Geschenk aus der neoliberalen Vergangenheit, deren Ergebnisse (wachsende Ungleichheit, fehlende soziale Aufwärtsmobilität, Jungendarbeitslosigkeit in Südeuropa, identitätslose EU) wir heute mit Pathos beklagen. TTIP soll uns aber in die Zukunft führen. Wie aber könnte diese aussehen? Das Problem beginnt bereits damit, dass TTIP einen grundsätzlichen Geburtsfehler besitzt: die Kommunikation von TTIP. Der Entwurf liegt wie ein heiliger Gral hinter verschlossenen Türen, darf nur mit Sondergenehmigungen eingesehen werden, verheimlicht Urheberschaft, begründet nichts, weist aber gebetsmühlenartig darauf hin, dass es alternativlos sei. Wenn es ein Grundrezept für die Entwicklung von Verschwörungstheorien gibt – hier ist es. Das wird uns noch Probleme bereiten.

TTIP eine Blaupause für Verschwörungstheoretiker

Mehr noch: Wer einen aktuellen Aufhänger für antiamerikanische Stimmungsmache sucht, bei TTIP wird er fündig. Wer den Unfug einer Geheimverschwörung des globalen Finanzkapitals verbreiten möchte, TTIP ließe sich hierfür instrumentalisieren. Wer den Kapitalismus, der durch einen Schulterschluss von Politik und Großunternehmen aufrechterhalten wird, für alles Böse auf der Welt verantwortlich machen möchte, TTIP liefert Ansätze dafür. Die Segnungen, die uns über TTIP zuteil werden sollen (Arbeitsplätze, Exporterleichterungen, Weltstandards setzen) sind allesamt hoch spekulativ. Die Ängste, die das Freihandelsabkommen weckt (Einheitskultur, Identitätsverlust, Macht der Großkonzerne), sind enorm und für das gesamte politische Spektrum virulent.

Es profitieren nur wenige

Wenn sich die deutschen Autobauer – aus begründeter Angst vor der heranrollenden e-Auto-Welle – nicht selbst ins Knie schießen, würden sie noch am ehesten frohlocken. Das Abkommen könnte noch 2016 zustande kommen. Und wenn durch TTIP 97 Prozent aller Zölle abgeschafft werden, dann könnte die exportierende deutsche Automobilindustrie dadurch pro Jahr rund eine Milliarden Euro sparen. Für hiesige Mittelständler wird der Markt in den USA durch TTIP jedoch kaum zugänglicher. Die Handelsbarrieren, die in den USA von Bundesstaat zu Bundesstaat sehr unterschiedlich sind, werden durch TTIP nicht aufgehoben. Hohe europäische Qualitätsstandards beispielsweise in der Lebensmittelproduktion (nicht nur im Biosegment) werden dadurch definitiv verwässert. Das, was das globale Food Movement in den vergangenen Jahren mühselig erreicht hat (vgl. MEGATRENDS!-Kolumne vom 17. April 2016), dass vor allem amerikanische Food-Produzenten endlich auf die massive Unzufriedenheit der Verbraucher reagieren, würde damit frühzeitig ausgebremst. Auch hier: Zivilgesellschaftliche Erfolge, die durch Teilhabe und Graswurzel-Engagement zustande gekommen sind, würden durch ein Freihandelsabkommen konterkariert, das mit dem Charme eines gesichtslosen Großparkplatzes auftritt.

Ein zukunftsblindes Regulierungsmonster

TTIP hat sich bereits als transatlantisches Regulierungsmonster aufgebaut, bevor es nur in Ansätzen veröffentlicht und diskutiert worden ist. Mit den ausgeleierten Mitteln klassischer Machtpolitik aus dem 20. Jahrhundert (basisfern, bürokratisch, intransparent, unverständlich) sollen entscheidende Weichen für das 21. Jahrhundert gestellt werden. Völliger Unsinn. Und politisch ein fatales Signal. Das kostenlose Konjunkturprogramm, von dem Wirtschaftsverbände immer noch schwärmen, ist längst durch eine Vielzahl von Zweifeln und Gegengutachten durchlöchert worden. Die versprochenen 100 Milliarden Euro für Europa und USA sind insgesamt in zehn Jahren zu erwarten. Einem Gutachten der SPD-nahen Ebert-Stiftung zufolge seien die Konjunktureffekte sogar nur noch als „winzig“ zu bezeichnen. Megatrends wie Ressourcenknappheit, Klimawandel und Energiewende spielen kaum eine Rolle. Handelserleichterungen für Schwellenländer kommen in der anachronistischen TTIP-Logik ebenfalls nicht vor.

TTIP produziert „eingeschüchterte Staaten“

Für viele geschieht bei TTIP auf noch viel fatalere Weise das, was mit Stuttgart 21 schon in die Hose ging: Es wird ein großangelegtes Zukunftsprojekt ankündigt – und keiner versteht es, keiner bekommt eine klare Antwort, weil der Wortlaut nur Herrschaftswissen ist. Nicht einmal Landtagsabgeordnete haben Einblick in TTIP-Details, sollen im Laufe der kommenden Monate aber darüber entscheiden. Voilà, das ist genau die Form intransparenten Durchregierens, die uns das Phänomen des rechten Populismus beschert hat. Die Gefahren einer Paralleljustiz durch TTIP sind ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. Wenn ausländischen Firmen bei Gesetzesänderungen die Tür zu Klagen weit aufgemacht wird, könnte eine Prozessroutine entstehen („Druck mal die nächste Klage aus“), die schnelles politisches Handeln unmöglich macht. Unpopuläre Entscheidungen (nicht zuletzt in der Energie- und Umweltpolitik) würden von einem eingeschüchterten Staat erst gar nicht mehr angestrengt. Statt mehr Partizipation in der Zivilgesellschaft, würden die Konzerne zu übergriffiger Selbstermächtigung angeregt. Und wenn man sich vor Augen führt, mit welcher finanziellen Wucht unter anderem Ölkonzerne in den vergangenen Jahren Lobbypolitik betrieben haben, lassen sich aus TTIP schnell mehrere Horrorszenarien ableiten.

TTIP ist ein anachronistisches Bevormundungsabkommen

Die größte Gefahr, die Wirtschaft und Gesellschaft in Europa zurzeit drohen, ist das Scheitern einer offenen und toleranten Zivilgesellschaft. Dass die Zivilgesellschaft keinen Einfluss mehr auf die Politik ausüben kann, das sorgt gegenwärtig für die höchsten Erregungspegel bei den Wutbürgern. TTIP ist faktisch nicht zustimmungsfähig, weil es nachgerade alle Akteure bevormundet. Trotzdem hat sich die EU eine „vorläufige Anwendung“ von TTIP (wie auch im Ceta-Abkommen mit Kanada) in die Fußnoten hineinkonstruiert. Das heißt, TTIP könnte zu 90 Prozent in Anwendung kommen, noch bevor ein einziges Parlament ihm zugestimmt hat. Konzernen wird die Tür noch weiter aufgemacht, um gegen Staaten ihre egoistischen Rechte einzuklagen. TTIP als transatlantischen Schutzwall gegen die herannahende Wirtschaftspotenz aus Asien anzupreisen – da knallen im Lager der europäischen Rechtspopulisten und Neorassisten die Sektkorken. Die brauchen dann eigentlich gar nichts mehr zu machen: TTIP liefert ihnen das Drehbuch fürs nächste Verschwörungsvideo, in dem subtil-reaktionär vor Überfremdung und „gelbe Gefahr“ gewarnt werden kann.

Bange Erwartungen statt zukunftsoffene Perspektiven

TTIP soll die Präsidentschaft Obamas krönen, ist aber unfertig, unkonkret und diskursiv wie inhaltlich nicht auf der Höhe der Zeit. Selbst der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) verfällt bei seiner Pro-TTIP-Auflistung am Ende in das Formulieren von frommen Wünschen dem Abkommen gegenüber: „Made in Germany“ ist weltweit ein Qualitätssiegel. Die deutsche Industrie hat daher kein Interesse, dass durch TTIP Standards gesenkt werden – im Gegenteil: Die regulatorische Zusammenarbeit sollte nur dann zu Ergebnissen führen, wenn ein vergleichbar hohes Niveau im Verbraucherschutz, bei der Produktsicherheit oder auch im Umweltschutz etc. gewährleistet ist.“ Weniger verklausuliert heißt das: Wir würden Produktstandards, Testverfahren und Konformitätsbeurteilungen in TTIP schon zustimmen, wenn sie auf der Höhe von „Made in Germany“ formuliert sind. Dafür gibt es allerdings keine Anzeichen, es herrschen Konjunktiv und bange Erwartungen.

TTIP konterkariert einflussreiche Trends

Während der BDI angesichts von TTIP noch davon träumt, die Herrschaft über 800 Millionen Verbraucher und die künftigen Weltstandards übernehmen zu können, fürchten Mittelständler, Verbraucherschützer und Konsumenten um ihre Identität und die Einzigartigkeit ihrer Produkte. Um es ganz deutlich zu sagen: Natürlich sind Handelsabkommen sinnvoll, aber die TTIP-Formulierungen scheitern schon an der Intuition des Verbrauchers. Warum soll er einer Handelsvision zustimmen, die mit maximaler Gleichmacherei droht. In Europa wie in den USA definieren die Menschen ihren Konsum immer stärker (und mit hoher Emotionalität) über lokale und regionale Wertschöpfung. TTIP nimmt sich dagegen als Entwurf aus dem Fastfood-Horrorkabinett des letzten. Jahrhunderts aus. Selbst im US-Wahlkampf ziehen rechts und links geschlossen gegen TTIP zu Felde.

Es wäre naiv zu glauben, dass über jeden Paragraphen von TTIP basisdemokratisch entschieden werden könnte. Nachverhandlungen, beziehungsweise nachgeholte Partizipation bei der Gestaltung von TTIP, müssen unbedingt ermöglicht werden. Nur wenn das Freihandelsabkommen zustimmungsfähig ist, erfüllt es seinen Sinn. Ergänzende Ansätze wie das „Alternative Trade Mandate“ müssen unbedingt miteinbezogen werden, um TTIP anschlussfähig zu machen an den digital-nachhaltigen Paradigmenwechsel, den wir gerade erleben. So wie das Freihandelsabkommen jetzt präsentiert wird, ist es lediglich ein politstrategischer Affront aus der Vergangenheit gegenüber der Zukunft.

 

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»Food is the new fashion« und weswegen die Küche ein Ort der Emanzipation ist

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Wir müssen über das Essen reden. Ja, ich weiß, das tun die meisten von uns ohnehin den ganzen Tag. Es ist noch nie so viel über Essen geredet worden. Essen ist das sozialste, was wir als Menschen tun. Doch Jahrzehnte haben wir uns nicht so richtig darum gekümmert, was und wie wir essen. In der Massenwohlstandskultur des 20. Jahrhunderts haben wir daran geglaubt, dass die Ernährungsindustrie uns schon mit den richtigen Produkten versorgen wird. Jetzt ist das anders.

Wir erheben unser täglich Dinkelbrot zur Ersatzreligion. Für die richtige Herkunft des Chia-Samens nehmen wir Beziehungskonflikte in Kauf. Und für die männliche Fleischeslust gibt es nicht nur den Weber-Grill, sondern regelmäßig erscheinende Magazine und Schlachtkurse. »Früher hat die industrialisierte Produktion den Menschen das Gefühl gegeben, dass es gesund und ungefährlich ist, was sie essen. Heute haben die Menschen die Befürchtung, dass es ungesund und bedenklich ist, was ihnen die Industrie liefert.« Die Frau, die das sagt, ist keine linksradikale Food-Aktivistin, sondern es ist Denise Morrison, die Chefin von Campbell Soup. Das Unternehmen mit dem kultigen Dosenfutter erfindet sich gerade neu als kundenorientiertes Vollwertunternehmen.

In den USA bricht die konventionelle Lebensmittelindustrie zusammen

In den USA verlor die Packaged-Food-Industrie 2014 gigantische vier Milliarden US-Dollar an »frisch und bio«. Die Top-25-US-Food-Firmen haben seit 2009 Marktanteile im Wert von 18 Milliarden US-Dollar eingebüßt. Als klar wurde, dass die Kunden die Spielchen der Lebensmittelgiganten nicht mehr mitmachen, wurde schnell gehandelt. General Mills entfernte umgehend genetisch veränderte Zusätze aus seinen Blockbuster-Produkten. Andere Produkte wie »Yoplait Joghurt« wurden innerhalb eines halben Jahres mit 25 Prozent weniger Zucker gerelauncht. Sage noch einer, das Internet tauge nicht, um den gesellschaftlichen Fortschritt voranzubringen. Und die Ernährungsrevolution wird chique. »Food ist das neue Fashion«, so geistert es seit Monaten durch die internationalen Blogs des Food Movements. Und das hat einen konkreten Hintergrund: Die Teens und Twens in den USA geben erstmals mehr Geld für das tägliche Essen aus als für ihre Klamotten. Der Untergang der amerikanischen Shoppingmalls wird unmittelbar damit in Verbindung gebracht, dass die Kids lieber bei Starbucks et al. herumhängen als in den öden Megamalls. Die Hälfte der sogenannten Millennials (Jahrgang 1980 und jünger) sehen sich als »Foodies«, Zeitgenossen also, die ihren Lebensstil (das, was ihnen wirklich wichtig ist und ihre Persönlichkeit am besten beschreibt), vor allem darüber definieren, was sie wie und wo essen.

Das globale Food Movement zeigt, wie sich im Internet gesellschaftlicher Fortschritt voranbringen lässt

Es gibt eine weltweite Food-Bewegung, die sich zusammensetzt aus Vegetariern, regionalen Genießern (»Rettet das hallische Fleckvieh!«), Slowfood-Aktivisten, Ernährungspäpsten, Promi-Köchen, der Street-Food-Community, Bioessern, Gesundheitsfanatikern, Frugalisten, neuen Hippies und alten Qualitätsfanatikern. Es ist eine asymmetrische Bewegung, also keine hierarchisch strukturierte Organisation wie Greenpeace oder Attac. Das globale Food Movement hat sich in den vergangenen fünf Jahren insbesondere über das Internet zusammengefunden und macht Druck gegen die herrschende Lebensmittelindustrie.

Lange wurde dem Bionade-Bürgertum, den LOHAS, den Latte Macchiato-Familien und Vegetariern vorgeworfen, sie wollten mit ihrer moralischen Genussrevolution nur die eigenen Gewissensbisse bekämpfen. Die Erfolge des globalen Food Movements zeigen, dass wir längst von der Ebene der persönlichen Betroffenheit weg sind. In jedem Kindergarten werden mittlerweile die Zusammenhänge zwischen Fastfood-Konsum, ungesunder Ernährung, ineffizienter Landwirtschaft, Welthunger und Klimawandel erklärt. Das Paradox, dass wir durch immer mehr Fleischkonsum immer mehr Hunger erzeugen, dass für weiter exponential ansteigenden Fleischkonsum schlicht keine Anbauflächen auf der Erde mehr übrig sein werden, dass drohende Wasserknappheit ein radikales Umdenken in der Landwirtschaft erfordert.

Emanzipation findet am Herd statt

Aber auch im banalen Alltag manifestiert sich die Revolution: Die Menschen erobern sich die Küche zurück. Das wird den postmodernen »Super Daddys« zwischen 30 und 45 Jahren schon länger nachgesagt, die am Wochenende gerne bewaffnet mit Lamborghini-Kaffeemaschine und Nakiri-Gemüsemesser ihre Reihenhausküchen verwüsten. Keine Frage, das ist manchmal an der Grenze zur Satire (neobürgerliche Genussfraktion im Wochenenddauereinsatz). Doch tatsächlich zeichnet sich darin eine neue Emanzipationsbewegung ab. Das Food Movement ermutigt uns unter anderem dazu, dass wir die Geschlechterstereotypen in der Küche fallen lassen können. Bislang war die Küche ein nicht-öffentlicher Ort, an dem Versorgungsdienstleistungen stattfanden. Durch die neue Aufmerksamkeit für Herkunft und Zubereitung von Essen wird die Küche zum Gravitationszentrum für einen nachhaltigen Lebensstil: In der neu entdeckten Küche machen wir dichte Erfahrungen mit Natur und Handwerklichkeit, mit Gerüchen und Konsistenzen und stellen aus Rohstoffen kultivierte Produkte her.

Das weltweite Food Movement unterwandert die herrschende Ernährungsindustrie mit selbstgezogenem Salat und Tomatensortenhyperdiversität. Coca Cola und McDonalds hatten in den vergangenen zwei Jahren mit dramatischen Umsatzeinbrüchen zu kämpfen. Die Grenzen zwischen Konsument und Produzent sind aufgehoben. Essen ist eine zu wichtige Sache, als dass man es den Expertokratien aus Industrie, Handel und Gastronomie überlassen könnte. Das ist ein weiterer wichtiger Indikator für einen gesellschaftlichen Erneuerungsprozess, angestoßen von militanten Genießern, entfacht in der handgeschreinerten Küche.

Die Streetfood-Bewegung, die ihren Ursprung wohl tatsächlich in Berlin hat, hat dieses revolutionäre Moment verstanden und die Grenzen zwischen Kunden und Anbieter, Hersteller und Konsument, Gast und Gastgeber aufgehoben. Sie hat begriffen, dass man die starren Beziehungen zwischen Erzeuger und Gastronomie verändern muss, wenn man wirklich eine andere Ernährungsrealität schaffen möchte. Vor allem haben sie in ihren Food Happenings und mit ihren Food Trucks auch die Abhängigkeit zwischen Industrie und »Verbraucher« subversiv zum Thema gemacht. Selten war der ausgeleierte Begriff des Prosumenten passender als hier. Und was diese Bewegung mit kulinarischer Kreativität artikuliert, ist diese eine Formel: »Gebt uns das Essen zurück!« Globalem Food Movement, Street Food, Slowfood u. a. geht es vor allem darum, die Grundlagen unserer Ernährung den ausgekochten Spezialisten mit ihren angegliederten Forschungsapparaten, den abgezockten Fachleuten aus der Gastronomie und den gehorsamen Chemikern der Agrarindustrie aus den Händen zu reißen. Wie in Bertolt Brechts epischem Theater haben die Food Guerilleros den Theatergraben eingerissen und den passiven Verbrauchern wieder das Gefühl gegeben, aktiver Teil der Ernährungskette und des Genusses zu sein.

Heureka, die Ethikuräer kommen

Um die Welt zu verändern, braucht es immer eine Doppelstrategie. Der Bewusstseinswandel muss beim Einzelnen beginnen und ihn dazu bewegen, geliebte Gewohnheiten in Frage zu stellen – weil es besser für alle ist/wäre. Dann braucht es die Einsicht in die Notwendigkeit von Seiten der Politik, der Gesellschaft und der Wirtschaft. Und da müssen wir noch mehr über den inneren Zusammenhang von Megatrends wie Klimawandel, Gesundheit und Neourbanisierung reden. Wir müssen noch radikaler danach fragen, wie wir Lebensstile nachhaltiger gestalten, die Landwirtschaft effizienter machen können (unter anderem, indem wir sie digitalisieren) und damit eine neue Balance herzustellen vermögen – für den Globus, aber auch für unser eigenes Wohlbefinden. Wir erleben gerade den Untergang der alten Lebensmittelindustrie. Die ersten Konsequenzen davon begegnen uns tagtäglich in unseren Wohn-, Klein- und Kleinstücken. Hier brodeln die Konzepte einer »ethikuräischen (Ethiker UND Epikuräer) Genussrevolution«, köchelt die Abneigung gegen Massentierhaltung und Genfood und gärt der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung und Einfluss beim Umgang mit Lebensmitteln.

Berechtigte Empörung gegen die Ernährungsindustrie – Sehnsucht nach einem nachhaltigen Hedonismus, der eben nicht nur durch ein bisschen Gutmenschen-Shopping die Welt retten möchte. Wir haben begriffen: Wenn wir lustvoll »aus dem Rohen das Gekochte machen« (Claude Lévi-Strauss), zelebrieren wir Genuss als Zivilisationsfortschritt. Darin liegt die Zukunft des Essens. Und das ist auch gut so.

PS: Den TV-Köchen werden wir wahrscheinlich auch noch in zehn Jahren begeistert zuschauen, denn sie erinnern uns zumindest daran, dass die Küche unserer Kindheit ein ziemlich lebendiger Ort war. Lange wurde das als eine der großen Bigotterien unserer Wohlstandskultur angesehen: Wir glotzen, wie Menschen im Fernsehen kochen, wissen aber selbst nicht, wie man einen Fisch filetiert. Ich glaube, wir haben begonnen … – und in die Küche zurückkehren.

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