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Kategorie: MEGATRENDS!-Kolumne

Maschinenstürmer, Technophobiker und Populisten betrügen uns um die Zukunft

Megatrends Kolumne

Nur weil Untergangsszenarien gerade Hochkonjunktur haben, sollten wir uns den Blick auf die Realität nicht verstellen lassen. Die Roboter werden uns nicht entmachten. Uns geht in absehbarer Zeit auch nicht die Arbeit aus. Doch der kommende technologische Wandel könnte die Ungleichheit in unserer Gesellschaft dramatisch vergrößern. Dystopien vom rechten Rand und aus der Welt der neomittelalterlichen Maschinenstürmer helfen da nicht weiter.

Als ich vor ein paar Wochen wieder einmal zu spät zu einer Tagung an einer angesehenen Finanzhochschule kam, schienen bereits einige unangenehme Wahrheiten ausgesprochen worden zu sein. In der gerade laufenden Podiumsdiskussion bezogen sich die Diskutanten auf die Zahlenschätzung einer Professorin, wonach wir demnächst mit 18 Millionen Arbeitsplätzen weniger zu rechnen hätten. Der Grund dafür, so erfuhr ich nach und nach, sei die fortschreitende Automatisierung und natürlich die Roboter. Die Herkunft der in der Tat deprimierenden Zahl (und ob sie wirklich einer seriösen Berechnung entstammt) konnten wir bislang nicht klären.

Die Roboter übernehmen – wirklich?

Auch von prominenter Seite wird seit Monaten mit Phantasiezahlen operiert, wenn es darum geht, die Zukunft unserer Arbeitswelt zu erklären. Robert Reich, ehemaliger Arbeitsminister unter Obama, verkündet, weil die Zahl so schön einfach ist, kurzerhand, dass mittelfristig die Hälfte aller amerikanischen Arbeitsplätze an die immer intelligenteren Maschinen verloren gehen würde. Eine Oxford-Studie sieht mittelfristig 47 Prozent aller amerikanischen Arbeitsplätze in Gefahr. McKinsey hat vor mittlerweile drei Jahren ausgerechnet, dass rund 40 Prozent aller Wissensjobs künftig von smarten Maschinen und selbstlernender Software erledigt würden. Gerade letztere Zahl hatte eine hohe Brisanz, weil in der McKinsey-Studie anschließend recht schlüssig erklärt wird, dass die dabei verloren gehenden Arbeitsplätze für die wohlstandsverwöhnte Mittelschicht nicht zu ersetzen seien.

Alles das passt gerade wunderbar in unsere öffentliche Empörungs- und Skandalisierungskultur. Was der menschenverachtende Populismus von AfD, Trump und FPÖ über die Bildschirme ausschüttet, liefern Ökonomen jetzt für die wirtschaftliche Gesamtlage nach. Nix ist mehr sicher. Nicht nur die Asylanten nehmen uns die Arbeitsplätze weg, sondern auch die untoten Maschinen sorgen demnächst dafür, dass dem Menschen die Arbeit ausgeht und damit die Existenzgrundlage genommen wird. Die Maschinen übernehmen, und spätestens in 50 Jahren fragen sie nicht mehr danach, wofür der Mensch überhaupt da ist, da sie ihr eigenes Maschinenreich errichtet habe. Paranoide Zeiten, in denen wir aktuelle leben. Keine Frage, die Mensch-Maschine-Schnittstelle wird gerade neu definiert. Noch nie sind die Maschinen uns nah gekommen wie jetzt. Wir müssen in nächster Zeit entscheiden, wie weit wir Maschinenintelligenz bei existenziellen Fragen tatsächlich auch mitentscheiden lassen wollen.

Keine dramatischen Arbeitsplatzverluste in der EU

Es ist jedoch unangebracht, von einem neuen totalitären Maschinenzeitalter zu sprechen. Das befeuert höchstens die Weltuntergangsphantasien der politischen Populisten, die keine sozioökonomische Vision haben, sondern nur mit den Ängsten verunsicherter Menschen spielen. Tatsächlich werden wir in Europa in den kommenden 30 Jahren keine solch dramatischen Arbeitsplatzverluste durch die Automatisierung erleben. Auf absehbare Zeit werden es, laut aktuellen Berechnungen der OECD, rund neun Prozent der Arbeitsplätze in der EU sein, die der Automatisierung zum Opfer fallen. In Deutschland, Spanien und Österreich werden es zwölf Prozent sein, in Ländern wie Finnland und Estland dagegen nur sechs Prozent. Kein Grund zur Panik also und kein Grund, nach einem starken Führer zu rufen, der uns die bescheidenen industriellen Lebensverhältnisse von vor hundert Jahren (Auto, Atom, Kohle, Konsum) als Erlösungsszenario clevererweise noch einmal verkauft. Nichts anderes haben die Dystopien der AfD, des Front National und der Goldkettchenfraktion von Putin, Trump oder Erdogan in den vergangenen Monaten getan.

Die Mitte der Beschäftigung wird verschwinden

Unsere ökonomisch-technologische Evolution in den kommenden zehn bis 20 Jahren lässt sich mittlerweile relativ gut erklären. Nach wie vor ist es sinnvoll, in hohe berufliche Qualifikation zu investieren. Denn diejenigen Jobs, die künftig am stärksten in Automatisierungsgefahr geraten, sind die, bei denen der Automatisierungsanteil ohnehin schon hoch ist, also standardisierte Jobs mit niedrigen Anforderungen. Diese Jobs mit geringer Qualifikation laufen in den nächsten Jahren zusätzlich Gefahr, exportiert zu werden oder in neuen Arbeitsumgebungen organisiert zu werden, was wiederum neue Anforderungen an die Ausübung der Tätigkeiten bedeutet.

Die paranoide Phantasie von einer Welt, die von Computern und Robotern beherrscht wird, blendet diese Realität aus. Hinter der permanenten Angstbeschwörung geht der Blick auf ein zukunftswichtiges Trendthema verloren. Die Tatsache nämlich, dass die zunehmende Automatisierung in den nächsten Jahren dazu beitragen wird, dass sich der Arbeitsmarkt weiter polarisieren wird. Durch Standardisierung und Automatisierung liegt das Risiko der Geringqualifizierten, im EU-Raum ihren Job zu verlieren, bei 40 Prozent. Bei den Hochqualifizierten sind gerade einmal fünf Prozent dieser Gefahr ausgesetzt. Hier liegt der eigentliche soziale Sprengstoff der Softwareisierung und Automatisierung. Die ökonomische Mitte der Arbeitswelt wird verschwinden. Das wiederum führt dazu, dass ein Run auf schlechter bezahlte Jobs einsetzen wird, was letztlich dazu führen könnte, dass die niedrigen Löhne weiter gedrückt oder zementiert werden, so dass ein Phänomen wie Armut-on-the-Job (»in-job poverty«) sich stark ausbreiten könnte.

Die kommenden Jahre

Keine Frage, das Vorrücken der intelligenten Maschinen und der selbstlernenden Software in den Alltag unseres Lebens und der Arbeit hat ein ungekanntes Ausmaß erreicht. Wir befinden uns an einem Punkt, an dem die Maschinen nicht mehr nur die Arbeit erleichtern und industrielle Prozesse beschleunigen, sondern auch immer mehr aktiv in Entscheidungsprozesse eingreifen.

Wie wir dieser neuen Situation begegnen können, lässt sich anhand von vier Trends beschreiben:

1.) Technologische Entwicklung verläuft langsamer als angenommen: Der Wandel durch Digitalisierung und Robotik wird deutlich länger dauern als bislang angenommen. Gerade bei den humanoiden Robotern sind die Entwicklungsfortschritte der letzten Zeit eher bescheiden. In den USA sind die Investitionen in Computertechnologie seit dem Jahr 2000 sogar um 25 Prozent zurückgegangen. Auch das spricht nicht unbedingt dafür, dass Big Data, das Internet der Dinge etc. unsere Arbeitswelt demnächst im Handumdrehen entmenschlichen werden. Berechnungen belegen vielmehr, dass dort, wo ein Job im Hightech-Sektor geschaffen wird, im Anschluss fünf weitere Arbeitsplätze entstehen. Im Übrigen entwickelt sich die Robotik nicht so dynamisch und invasiv wie Kulturpessimisten und Maschinenstürmer uns glauben machen wollen. Die Verkäufe von Servicerobotern stagnieren seit einiger Zeit. Dafür haben sie laut Metra Martech allein in der Automobilindustrie bislang rund 1,5 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen.

2.) Digitalisierung wird sich regional erden: Ein weiteres Mittel gegen die Polarisierung der Arbeitswelt findet sich in dem nächsten technologische Sprung, der uns unmittelbar bevorsteht. Wenn sich nämlich das Internet der Dinge, wie seit Langem absehbar, in Industrie und Fabrikation vorarbeiten wird, wird es auch in bislang wenig digitalisierten Regionen ankommen. Und wenn die Digitalisierung in dieser Weise auch in Institutionen des Gesundheitssektors und in der Verwaltung vordringt, dann werden Wissensjobs stärker dezentral verankert. Internet der Dinge und Industrie 4.0 werden dann Wissensjobs auch in ländliche Regionen tragen (vgl. hierzu Megatrends!, Juni 2016). Eine Riesenchance, auf die sich Unternehmen, aber insbesondere Kommunen und Verwaltungen schon heute einstellen sollten.

3.) Face-to-face und Kreativität sind Alleinstellungsmerkmale in der digitalen Ära: Berufe, bei den zwischenmenschlicher Kontakt im Vordergrund stehen, also vor allem Arbeitsplätze auf dem medizinischen und pflegerischen Sektor, werden Robotik und Automatisierung eher als Unterstützung nutzen. Daneben werden natürlich hochqualifizierte Arbeitsplätze entstehen, bei denen es darum geht, unstrukturierte, komplexe Probleme auf kreative Weise zu lösen.

4.) Prekäre Lage der Niedriglohn-Nomaden: Insgesamt neun Prozent der gegenwärtig vorhandenen Arbeitsplätze werden der Automatisierung zum Opfer fallen. Wichtiger sind jedoch rund 25 Prozent der bereits ansatzweise automatisierten Arbeitsplätze. Sie sind im EU-Raum in den nächsten Jahren akut gefährdet, weil die Hälfte dieser Tätigkeiten durch neue Technologieschübe komplett neue Anforderungsprofile erhalten werden. Menschen in diesen Niedriglohn-Jobs müssen ihre Qualifikation permanent an den technologischen Wandel anpassen und sollten darüber hinaus stärker als bislang zu Arbeitsplatz- und Ortswechsel bereit sein.

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Ende einer Ära – Willkommen im postfossilen Zeitalter!

Megatrends Kolumne

Saudi-Arabien plant seine Zukunft mit Solarenergie. Weltweit führende Kohleförderer gehen in Konkurs. Erdölkonzernen steht eine dramatische Schrumpfungskur bevor. Wir verabschieden uns von der fossilen Energiewelt. Politische Instabilität wird ein Nebeneffekt dieses dramatischen Wandels sein.

Zukunft passiert. Und unser Weg in die kommenden Jahre lässt sich ziemlich klar mit wenigen Begriffen beschreiben. Wir kommen aus dem 20. Jahrhundert, das dominiert war von Autos, Verbrennungsmotoren, Kohle-, Gas- und Kernenergie. Ressourcenhedonismus, Energie und Mobilität auf der einen Seite. Zentralisierte Telekommunikationsmärkte und lineare Medien (dualer Rundfunk, klassischer Printmarkt) auf der anderen Seite. Das 21. Jahrhundert wird dagegen geprägt sein von Erneuerbaren Energien, die ein »Internet der Energie« mittels digitaler Prozesse hocheffizient machen werden. Kohle und Atomkraft werden keine Rolle mehr spielen. Wir werden uns im Infrastruktursektor mit vernetzten, ebenfalls regenerativ betriebenen Mobilitätslösungen fortbewegen. Medien werden in den kommenden Jahren noch stärker durch Dezentralisierung und dem Bedürfnis nach immer mehr Personalisierung transformiert werden.

Wenn selbst die »Saudis« in Solar investieren …

Der rasant ins Nichts fallende Ölpreis hat dazu geführt, dass die Saudis händeringend nach einer alternativen Erfolgsstory für das 21. Jahrhundert Ausschau halten. Seit einigen Jahren schrumpfen die Währungsreserven in einem Land, das sich mit unfassbarem Reichtum nach außen darstellt, gleichzeitig Menschen versklavt, Frauen unterdrückt und von himmelschreiender Ungleichheit geprägt ist. Es ist nicht zu erwarten, dass sich der Ölpreis jemals wieder in Richtung 100 US-Dollar pro Barrel orientiert. Und selbst die saudischen Ölscheichs verkünden große Pläne für den Ausbau von Erneuerbaren Energien. Das Haushaltsdefizit hat mittlerweile die astronomische Summe von 98 Milliarden US-Dollar erreicht. Bis ins Jahr 2032 sollen insgesamt 41 Gigawatt Solarenergie installiert werden (Fotovoltaik in Deutschland 2014: 39,7 Gigawatt). 16 Gigawatt werden über Solarpanele installiert, die übrigen 25 Gigawatt sollen aus gigantischen Solarthermieanlagen kommen.

Was wir gerade erleben, ist das Ende des fossilen Zeitalters. Es geht gar nicht um den sogenannten »Peak Oil« (Ölfördermaximum), der wahrscheinlich niemals stattfinden wird. Momentan sind wir besoffen von Kohlenstoffen, die in Form von Öl und Gas gefördert werden und noch in hohen Mengen im Boden liegen. Worum es geht, ist, dass die Kohlenwasserstoffe, die sich in rauen Mengen noch in der Erde befinden, nicht gefördert werden dürfen. Denn das würde – das ist jetzt schon klar – den definitiven Abschied von unseren Klimazielen bedeuten.

In den USA wurden gerade 20 »schmutzige« Energieprojekte gestoppt

Mit dem Ausstieg von Börsenschwergewichten wie Allianz, Axa und den steinreichen norwegischen Pensionsfonds aus Kohleunternehmen (Divestment) unmittelbar vor der Pariser Klimakonferenz ist eine Lawine in Bewegung geraten, die schneller als geahnt auch die Erdölindustrie in Existenznot bringen könnte. Auch wenn das Kohle-Desinvestment zunächst vor allem symbolisch wirken wird: Die Allianz wird in einem ersten Schritt nicht mehr in Bergbau- und Energieunternehmen investieren, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes beziehungsweise ihrer Energieerzeugung aus Kohle gewinnen. In den USA sind den Untersuchungen von InsideClimate zufolge gerade 20 Projekte gestoppt worden, darunter Minenprojekte, Pipelines, Großkraftwerke und Schiffsterminals für Flüssiggas aus Fracking. Der Stopp geht auf den niedrigen Ölpreis zurück, mitunter ist er auch von öffentlichen Protesten motiviert oder dem Druck von NGOs motiviert. Nach dem zweifelhaften Fracking-Hype in den USA beginnt jetzt ein Solarboom Platz zu greifen, während gerade die zwei größten Kohleförderer des Landes (Peabody Energy und Arch Coal) ihren Bankrott erklärten. Die Epoche der schmutzigen Energien geht definitiv zu Ende.

Der energietechnische Epochenbruch verschärft politische Unruhen

Der Abschied vom fossilen Zeitalter bedeutet allerdings nicht nur, dass wir uns von einer naturzerstörenden Art der Ressourcennutzung verabschieden werden. Hinter der Erdöl-, Erdgas-, Atom- und Kohledämmerung verbergen sich auch knallharte finanzielle und geostrategische Risiken. Wenn Öl und Gas, wie ökologisch dringend geraten, im Boden bleiben, verhagelt das die Bilanzen nicht nur von Erdölunternehmen wie Shell und Exxon. Es schlägt auch bei Unternehmen, Banken und Fonds ins Kontor, die gefördertes Erdöl und margenträchtige Beteiligungen an Erdölunternehmen schon in die Bilanzen der kommenden Jahre eingepreist haben. Gerade Erdöl ist darüber hinaus nach wie vor eine Substanz, mit der fragile innenpolitische Gleichgewichte hergestellt werden. Nicht nur in Saudi-Arabien, sondern auch im Iran, in Russland, Nigeria und Nordafrika wird mit Erdöl und daraus resultierendem Wohlstand die Bevölkerung ruhig gehalten.

Die Erdölgiganten BP, Chevron, Shell, Total und Exxon leiden schon jetzt heftigst unter dem Ölpreis. Eine aktuelle Studie sieht für die Energiegiganten keinen anderen Weg, als sofortige Managementmaßnahmen für eine lange Stagnationsphase zu ergreifen. Damit den Unternehmen eine softe Landung (gentle decline) in der postfossilen Realität gelingt, wird es nötig sein, dass das alte Geschäft mit den fossilen Ressourcen auf die umsatzstärksten Regionen und Technologien konzentriert wird. Mega-Mergers und Panik-Akquisitionen werden bei den Ölmultis nicht ausbleiben. Diversifizierung der Angebote in Richtung Erneuerbarer Energien werden ebenfalls stattfinden – können aber den Zusammenbruch des alten Geschäftsmodells nicht aufhalten.

Durch eine konsequent eingehaltene Divestment-Strategie würden der Weltwirtschaft in nächster Zeit deutliche Umsatzeinbußen bei einem Drittel(!) aller Aktienwerte entstehen, so hat es die Bank of England jüngst in einer Studie prognostiziert. Unser Abschied aus der fossilen Wohlstandskultur des 20. Jahrhunderts bedeutet also auch, dass weitere politische Gleichgewichte ins Wanken geraten könnten, sodass zusätzliche Unbestimmtheitsmomente in die multipolare Weltordnung hineingetragen werden.

Drei Aspekte sind bei dieser Zeitenwende besonders wichtig:

  1. Klimawandel krempelt Märkte um: Der Klimawandel wird immer häufiger zur primären Richtlinie wirtschaftlichen Handelns. Wer glaubt heute noch an Ölpreissprünge, wenn E-Autos um 2020 herum genauso viel kosten werden wie benzinschluckende Pkw und gerade ein globaler Sonnen- und Windenergieboom stattfindet?
  1. Der Peak Oil kommt nie: Die Argumente für ein »Weiter so« in der Energie- und speziell der Ölindustrie verlieren ihre Schlagkraft auf breiter Front. Ein Peak Oil ist nicht absehbar, das Gegenteil ist der Fall. Und auch bei den konservativsten Investoren ist der Gedanke angekommen, dass der Ölpreis mittelfristig auf niedrigem Niveau verharren wird, während die Produktionskosten kaum noch zu senken sind.
  1. Erdöl, Kohle und Atom sind ab sofort ökonomisch unvernünftig: Der berühmte Tipping-Point ist da – wir starten in eine neue Ära: Wenn die Mobilitäts- und Wärmewende funktionieren soll, brauchen wir dringend Strom aus nachhaltigen Quellen. Länder wie die Niederlande, Österreich und Indien haben angekündigt, dass sie Anfang der 2020er Jahre Schluss machen wollen mit benzinangetriebenen Fahrzeugen. China und Indien investieren massiv in die Installation von Erneuerbaren. Es ist mittlerweile irrational, auf Großkraftwerksprojekte und Energiedinosaurier aus Öl, Kohle und Atom zu setzen.

 

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TTIP: Nichts als eine Blaupause für Verschwörungstheoretiker?

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Das TTIP-Abkommen trägt alle Anzeichen der veralteten Machtpolitik des 20. Jahrhunderts: marktgläubig, intransparent und Lichtjahre entfernt von den veränderten Bedürfnissen der Menschen. TTIP ist ein bürokratischer Homunculus, der Innovation und Zukunftsfähigkeit blockiert und nicht stimuliert. Der Entwurf des europäisch-amerikanischen Freihandelsabkommens wirkt, als wäre es von den Spindoctors der Rechtspopulisten selbst in die Welt gesetzt worden, um neue Verschwörungstheorien zu basteln. Wo wird uns das Abkommen hinführen? Welche Entwicklungen wird es auslösen?

Wir haben Post aus den 1990er Jahren. Als Tony Blair und Gerhard Schröder, Joschka Fischer und Oskar Lafontaine (die links(neo)liberalen „Chicago-Boys“) an die Selbstheilungskräfte des freien Marktes glaubten. TTIP wirkt wie ein vergiftetes Geschenk aus der neoliberalen Vergangenheit, deren Ergebnisse (wachsende Ungleichheit, fehlende soziale Aufwärtsmobilität, Jungendarbeitslosigkeit in Südeuropa, identitätslose EU) wir heute mit Pathos beklagen. TTIP soll uns aber in die Zukunft führen. Wie aber könnte diese aussehen? Das Problem beginnt bereits damit, dass TTIP einen grundsätzlichen Geburtsfehler besitzt: die Kommunikation von TTIP. Der Entwurf liegt wie ein heiliger Gral hinter verschlossenen Türen, darf nur mit Sondergenehmigungen eingesehen werden, verheimlicht Urheberschaft, begründet nichts, weist aber gebetsmühlenartig darauf hin, dass es alternativlos sei. Wenn es ein Grundrezept für die Entwicklung von Verschwörungstheorien gibt – hier ist es. Das wird uns noch Probleme bereiten.

TTIP eine Blaupause für Verschwörungstheoretiker

Mehr noch: Wer einen aktuellen Aufhänger für antiamerikanische Stimmungsmache sucht, bei TTIP wird er fündig. Wer den Unfug einer Geheimverschwörung des globalen Finanzkapitals verbreiten möchte, TTIP ließe sich hierfür instrumentalisieren. Wer den Kapitalismus, der durch einen Schulterschluss von Politik und Großunternehmen aufrechterhalten wird, für alles Böse auf der Welt verantwortlich machen möchte, TTIP liefert Ansätze dafür. Die Segnungen, die uns über TTIP zuteil werden sollen (Arbeitsplätze, Exporterleichterungen, Weltstandards setzen) sind allesamt hoch spekulativ. Die Ängste, die das Freihandelsabkommen weckt (Einheitskultur, Identitätsverlust, Macht der Großkonzerne), sind enorm und für das gesamte politische Spektrum virulent.

Es profitieren nur wenige

Wenn sich die deutschen Autobauer – aus begründeter Angst vor der heranrollenden e-Auto-Welle – nicht selbst ins Knie schießen, würden sie noch am ehesten frohlocken. Das Abkommen könnte noch 2016 zustande kommen. Und wenn durch TTIP 97 Prozent aller Zölle abgeschafft werden, dann könnte die exportierende deutsche Automobilindustrie dadurch pro Jahr rund eine Milliarden Euro sparen. Für hiesige Mittelständler wird der Markt in den USA durch TTIP jedoch kaum zugänglicher. Die Handelsbarrieren, die in den USA von Bundesstaat zu Bundesstaat sehr unterschiedlich sind, werden durch TTIP nicht aufgehoben. Hohe europäische Qualitätsstandards beispielsweise in der Lebensmittelproduktion (nicht nur im Biosegment) werden dadurch definitiv verwässert. Das, was das globale Food Movement in den vergangenen Jahren mühselig erreicht hat (vgl. MEGATRENDS!-Kolumne vom 17. April 2016), dass vor allem amerikanische Food-Produzenten endlich auf die massive Unzufriedenheit der Verbraucher reagieren, würde damit frühzeitig ausgebremst. Auch hier: Zivilgesellschaftliche Erfolge, die durch Teilhabe und Graswurzel-Engagement zustande gekommen sind, würden durch ein Freihandelsabkommen konterkariert, das mit dem Charme eines gesichtslosen Großparkplatzes auftritt.

Ein zukunftsblindes Regulierungsmonster

TTIP hat sich bereits als transatlantisches Regulierungsmonster aufgebaut, bevor es nur in Ansätzen veröffentlicht und diskutiert worden ist. Mit den ausgeleierten Mitteln klassischer Machtpolitik aus dem 20. Jahrhundert (basisfern, bürokratisch, intransparent, unverständlich) sollen entscheidende Weichen für das 21. Jahrhundert gestellt werden. Völliger Unsinn. Und politisch ein fatales Signal. Das kostenlose Konjunkturprogramm, von dem Wirtschaftsverbände immer noch schwärmen, ist längst durch eine Vielzahl von Zweifeln und Gegengutachten durchlöchert worden. Die versprochenen 100 Milliarden Euro für Europa und USA sind insgesamt in zehn Jahren zu erwarten. Einem Gutachten der SPD-nahen Ebert-Stiftung zufolge seien die Konjunktureffekte sogar nur noch als „winzig“ zu bezeichnen. Megatrends wie Ressourcenknappheit, Klimawandel und Energiewende spielen kaum eine Rolle. Handelserleichterungen für Schwellenländer kommen in der anachronistischen TTIP-Logik ebenfalls nicht vor.

TTIP produziert „eingeschüchterte Staaten“

Für viele geschieht bei TTIP auf noch viel fatalere Weise das, was mit Stuttgart 21 schon in die Hose ging: Es wird ein großangelegtes Zukunftsprojekt ankündigt – und keiner versteht es, keiner bekommt eine klare Antwort, weil der Wortlaut nur Herrschaftswissen ist. Nicht einmal Landtagsabgeordnete haben Einblick in TTIP-Details, sollen im Laufe der kommenden Monate aber darüber entscheiden. Voilà, das ist genau die Form intransparenten Durchregierens, die uns das Phänomen des rechten Populismus beschert hat. Die Gefahren einer Paralleljustiz durch TTIP sind ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. Wenn ausländischen Firmen bei Gesetzesänderungen die Tür zu Klagen weit aufgemacht wird, könnte eine Prozessroutine entstehen („Druck mal die nächste Klage aus“), die schnelles politisches Handeln unmöglich macht. Unpopuläre Entscheidungen (nicht zuletzt in der Energie- und Umweltpolitik) würden von einem eingeschüchterten Staat erst gar nicht mehr angestrengt. Statt mehr Partizipation in der Zivilgesellschaft, würden die Konzerne zu übergriffiger Selbstermächtigung angeregt. Und wenn man sich vor Augen führt, mit welcher finanziellen Wucht unter anderem Ölkonzerne in den vergangenen Jahren Lobbypolitik betrieben haben, lassen sich aus TTIP schnell mehrere Horrorszenarien ableiten.

TTIP ist ein anachronistisches Bevormundungsabkommen

Die größte Gefahr, die Wirtschaft und Gesellschaft in Europa zurzeit drohen, ist das Scheitern einer offenen und toleranten Zivilgesellschaft. Dass die Zivilgesellschaft keinen Einfluss mehr auf die Politik ausüben kann, das sorgt gegenwärtig für die höchsten Erregungspegel bei den Wutbürgern. TTIP ist faktisch nicht zustimmungsfähig, weil es nachgerade alle Akteure bevormundet. Trotzdem hat sich die EU eine „vorläufige Anwendung“ von TTIP (wie auch im Ceta-Abkommen mit Kanada) in die Fußnoten hineinkonstruiert. Das heißt, TTIP könnte zu 90 Prozent in Anwendung kommen, noch bevor ein einziges Parlament ihm zugestimmt hat. Konzernen wird die Tür noch weiter aufgemacht, um gegen Staaten ihre egoistischen Rechte einzuklagen. TTIP als transatlantischen Schutzwall gegen die herannahende Wirtschaftspotenz aus Asien anzupreisen – da knallen im Lager der europäischen Rechtspopulisten und Neorassisten die Sektkorken. Die brauchen dann eigentlich gar nichts mehr zu machen: TTIP liefert ihnen das Drehbuch fürs nächste Verschwörungsvideo, in dem subtil-reaktionär vor Überfremdung und „gelbe Gefahr“ gewarnt werden kann.

Bange Erwartungen statt zukunftsoffene Perspektiven

TTIP soll die Präsidentschaft Obamas krönen, ist aber unfertig, unkonkret und diskursiv wie inhaltlich nicht auf der Höhe der Zeit. Selbst der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) verfällt bei seiner Pro-TTIP-Auflistung am Ende in das Formulieren von frommen Wünschen dem Abkommen gegenüber: „Made in Germany“ ist weltweit ein Qualitätssiegel. Die deutsche Industrie hat daher kein Interesse, dass durch TTIP Standards gesenkt werden – im Gegenteil: Die regulatorische Zusammenarbeit sollte nur dann zu Ergebnissen führen, wenn ein vergleichbar hohes Niveau im Verbraucherschutz, bei der Produktsicherheit oder auch im Umweltschutz etc. gewährleistet ist.“ Weniger verklausuliert heißt das: Wir würden Produktstandards, Testverfahren und Konformitätsbeurteilungen in TTIP schon zustimmen, wenn sie auf der Höhe von „Made in Germany“ formuliert sind. Dafür gibt es allerdings keine Anzeichen, es herrschen Konjunktiv und bange Erwartungen.

TTIP konterkariert einflussreiche Trends

Während der BDI angesichts von TTIP noch davon träumt, die Herrschaft über 800 Millionen Verbraucher und die künftigen Weltstandards übernehmen zu können, fürchten Mittelständler, Verbraucherschützer und Konsumenten um ihre Identität und die Einzigartigkeit ihrer Produkte. Um es ganz deutlich zu sagen: Natürlich sind Handelsabkommen sinnvoll, aber die TTIP-Formulierungen scheitern schon an der Intuition des Verbrauchers. Warum soll er einer Handelsvision zustimmen, die mit maximaler Gleichmacherei droht. In Europa wie in den USA definieren die Menschen ihren Konsum immer stärker (und mit hoher Emotionalität) über lokale und regionale Wertschöpfung. TTIP nimmt sich dagegen als Entwurf aus dem Fastfood-Horrorkabinett des letzten. Jahrhunderts aus. Selbst im US-Wahlkampf ziehen rechts und links geschlossen gegen TTIP zu Felde.

Es wäre naiv zu glauben, dass über jeden Paragraphen von TTIP basisdemokratisch entschieden werden könnte. Nachverhandlungen, beziehungsweise nachgeholte Partizipation bei der Gestaltung von TTIP, müssen unbedingt ermöglicht werden. Nur wenn das Freihandelsabkommen zustimmungsfähig ist, erfüllt es seinen Sinn. Ergänzende Ansätze wie das „Alternative Trade Mandate“ müssen unbedingt miteinbezogen werden, um TTIP anschlussfähig zu machen an den digital-nachhaltigen Paradigmenwechsel, den wir gerade erleben. So wie das Freihandelsabkommen jetzt präsentiert wird, ist es lediglich ein politstrategischer Affront aus der Vergangenheit gegenüber der Zukunft.

 

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»Food is the new fashion« und weswegen die Küche ein Ort der Emanzipation ist

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Wir müssen über das Essen reden. Ja, ich weiß, das tun die meisten von uns ohnehin den ganzen Tag. Es ist noch nie so viel über Essen geredet worden. Essen ist das sozialste, was wir als Menschen tun. Doch Jahrzehnte haben wir uns nicht so richtig darum gekümmert, was und wie wir essen. In der Massenwohlstandskultur des 20. Jahrhunderts haben wir daran geglaubt, dass die Ernährungsindustrie uns schon mit den richtigen Produkten versorgen wird. Jetzt ist das anders.

Wir erheben unser täglich Dinkelbrot zur Ersatzreligion. Für die richtige Herkunft des Chia-Samens nehmen wir Beziehungskonflikte in Kauf. Und für die männliche Fleischeslust gibt es nicht nur den Weber-Grill, sondern regelmäßig erscheinende Magazine und Schlachtkurse. »Früher hat die industrialisierte Produktion den Menschen das Gefühl gegeben, dass es gesund und ungefährlich ist, was sie essen. Heute haben die Menschen die Befürchtung, dass es ungesund und bedenklich ist, was ihnen die Industrie liefert.« Die Frau, die das sagt, ist keine linksradikale Food-Aktivistin, sondern es ist Denise Morrison, die Chefin von Campbell Soup. Das Unternehmen mit dem kultigen Dosenfutter erfindet sich gerade neu als kundenorientiertes Vollwertunternehmen.

In den USA bricht die konventionelle Lebensmittelindustrie zusammen

In den USA verlor die Packaged-Food-Industrie 2014 gigantische vier Milliarden US-Dollar an »frisch und bio«. Die Top-25-US-Food-Firmen haben seit 2009 Marktanteile im Wert von 18 Milliarden US-Dollar eingebüßt. Als klar wurde, dass die Kunden die Spielchen der Lebensmittelgiganten nicht mehr mitmachen, wurde schnell gehandelt. General Mills entfernte umgehend genetisch veränderte Zusätze aus seinen Blockbuster-Produkten. Andere Produkte wie »Yoplait Joghurt« wurden innerhalb eines halben Jahres mit 25 Prozent weniger Zucker gerelauncht. Sage noch einer, das Internet tauge nicht, um den gesellschaftlichen Fortschritt voranzubringen. Und die Ernährungsrevolution wird chique. »Food ist das neue Fashion«, so geistert es seit Monaten durch die internationalen Blogs des Food Movements. Und das hat einen konkreten Hintergrund: Die Teens und Twens in den USA geben erstmals mehr Geld für das tägliche Essen aus als für ihre Klamotten. Der Untergang der amerikanischen Shoppingmalls wird unmittelbar damit in Verbindung gebracht, dass die Kids lieber bei Starbucks et al. herumhängen als in den öden Megamalls. Die Hälfte der sogenannten Millennials (Jahrgang 1980 und jünger) sehen sich als »Foodies«, Zeitgenossen also, die ihren Lebensstil (das, was ihnen wirklich wichtig ist und ihre Persönlichkeit am besten beschreibt), vor allem darüber definieren, was sie wie und wo essen.

Das globale Food Movement zeigt, wie sich im Internet gesellschaftlicher Fortschritt voranbringen lässt

Es gibt eine weltweite Food-Bewegung, die sich zusammensetzt aus Vegetariern, regionalen Genießern (»Rettet das hallische Fleckvieh!«), Slowfood-Aktivisten, Ernährungspäpsten, Promi-Köchen, der Street-Food-Community, Bioessern, Gesundheitsfanatikern, Frugalisten, neuen Hippies und alten Qualitätsfanatikern. Es ist eine asymmetrische Bewegung, also keine hierarchisch strukturierte Organisation wie Greenpeace oder Attac. Das globale Food Movement hat sich in den vergangenen fünf Jahren insbesondere über das Internet zusammengefunden und macht Druck gegen die herrschende Lebensmittelindustrie.

Lange wurde dem Bionade-Bürgertum, den LOHAS, den Latte Macchiato-Familien und Vegetariern vorgeworfen, sie wollten mit ihrer moralischen Genussrevolution nur die eigenen Gewissensbisse bekämpfen. Die Erfolge des globalen Food Movements zeigen, dass wir längst von der Ebene der persönlichen Betroffenheit weg sind. In jedem Kindergarten werden mittlerweile die Zusammenhänge zwischen Fastfood-Konsum, ungesunder Ernährung, ineffizienter Landwirtschaft, Welthunger und Klimawandel erklärt. Das Paradox, dass wir durch immer mehr Fleischkonsum immer mehr Hunger erzeugen, dass für weiter exponential ansteigenden Fleischkonsum schlicht keine Anbauflächen auf der Erde mehr übrig sein werden, dass drohende Wasserknappheit ein radikales Umdenken in der Landwirtschaft erfordert.

Emanzipation findet am Herd statt

Aber auch im banalen Alltag manifestiert sich die Revolution: Die Menschen erobern sich die Küche zurück. Das wird den postmodernen »Super Daddys« zwischen 30 und 45 Jahren schon länger nachgesagt, die am Wochenende gerne bewaffnet mit Lamborghini-Kaffeemaschine und Nakiri-Gemüsemesser ihre Reihenhausküchen verwüsten. Keine Frage, das ist manchmal an der Grenze zur Satire (neobürgerliche Genussfraktion im Wochenenddauereinsatz). Doch tatsächlich zeichnet sich darin eine neue Emanzipationsbewegung ab. Das Food Movement ermutigt uns unter anderem dazu, dass wir die Geschlechterstereotypen in der Küche fallen lassen können. Bislang war die Küche ein nicht-öffentlicher Ort, an dem Versorgungsdienstleistungen stattfanden. Durch die neue Aufmerksamkeit für Herkunft und Zubereitung von Essen wird die Küche zum Gravitationszentrum für einen nachhaltigen Lebensstil: In der neu entdeckten Küche machen wir dichte Erfahrungen mit Natur und Handwerklichkeit, mit Gerüchen und Konsistenzen und stellen aus Rohstoffen kultivierte Produkte her.

Das weltweite Food Movement unterwandert die herrschende Ernährungsindustrie mit selbstgezogenem Salat und Tomatensortenhyperdiversität. Coca Cola und McDonalds hatten in den vergangenen zwei Jahren mit dramatischen Umsatzeinbrüchen zu kämpfen. Die Grenzen zwischen Konsument und Produzent sind aufgehoben. Essen ist eine zu wichtige Sache, als dass man es den Expertokratien aus Industrie, Handel und Gastronomie überlassen könnte. Das ist ein weiterer wichtiger Indikator für einen gesellschaftlichen Erneuerungsprozess, angestoßen von militanten Genießern, entfacht in der handgeschreinerten Küche.

Die Streetfood-Bewegung, die ihren Ursprung wohl tatsächlich in Berlin hat, hat dieses revolutionäre Moment verstanden und die Grenzen zwischen Kunden und Anbieter, Hersteller und Konsument, Gast und Gastgeber aufgehoben. Sie hat begriffen, dass man die starren Beziehungen zwischen Erzeuger und Gastronomie verändern muss, wenn man wirklich eine andere Ernährungsrealität schaffen möchte. Vor allem haben sie in ihren Food Happenings und mit ihren Food Trucks auch die Abhängigkeit zwischen Industrie und »Verbraucher« subversiv zum Thema gemacht. Selten war der ausgeleierte Begriff des Prosumenten passender als hier. Und was diese Bewegung mit kulinarischer Kreativität artikuliert, ist diese eine Formel: »Gebt uns das Essen zurück!« Globalem Food Movement, Street Food, Slowfood u. a. geht es vor allem darum, die Grundlagen unserer Ernährung den ausgekochten Spezialisten mit ihren angegliederten Forschungsapparaten, den abgezockten Fachleuten aus der Gastronomie und den gehorsamen Chemikern der Agrarindustrie aus den Händen zu reißen. Wie in Bertolt Brechts epischem Theater haben die Food Guerilleros den Theatergraben eingerissen und den passiven Verbrauchern wieder das Gefühl gegeben, aktiver Teil der Ernährungskette und des Genusses zu sein.

Heureka, die Ethikuräer kommen

Um die Welt zu verändern, braucht es immer eine Doppelstrategie. Der Bewusstseinswandel muss beim Einzelnen beginnen und ihn dazu bewegen, geliebte Gewohnheiten in Frage zu stellen – weil es besser für alle ist/wäre. Dann braucht es die Einsicht in die Notwendigkeit von Seiten der Politik, der Gesellschaft und der Wirtschaft. Und da müssen wir noch mehr über den inneren Zusammenhang von Megatrends wie Klimawandel, Gesundheit und Neourbanisierung reden. Wir müssen noch radikaler danach fragen, wie wir Lebensstile nachhaltiger gestalten, die Landwirtschaft effizienter machen können (unter anderem, indem wir sie digitalisieren) und damit eine neue Balance herzustellen vermögen – für den Globus, aber auch für unser eigenes Wohlbefinden. Wir erleben gerade den Untergang der alten Lebensmittelindustrie. Die ersten Konsequenzen davon begegnen uns tagtäglich in unseren Wohn-, Klein- und Kleinstücken. Hier brodeln die Konzepte einer »ethikuräischen (Ethiker UND Epikuräer) Genussrevolution«, köchelt die Abneigung gegen Massentierhaltung und Genfood und gärt der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung und Einfluss beim Umgang mit Lebensmitteln.

Berechtigte Empörung gegen die Ernährungsindustrie – Sehnsucht nach einem nachhaltigen Hedonismus, der eben nicht nur durch ein bisschen Gutmenschen-Shopping die Welt retten möchte. Wir haben begriffen: Wenn wir lustvoll »aus dem Rohen das Gekochte machen« (Claude Lévi-Strauss), zelebrieren wir Genuss als Zivilisationsfortschritt. Darin liegt die Zukunft des Essens. Und das ist auch gut so.

PS: Den TV-Köchen werden wir wahrscheinlich auch noch in zehn Jahren begeistert zuschauen, denn sie erinnern uns zumindest daran, dass die Küche unserer Kindheit ein ziemlich lebendiger Ort war. Lange wurde das als eine der großen Bigotterien unserer Wohlstandskultur angesehen: Wir glotzen, wie Menschen im Fernsehen kochen, wissen aber selbst nicht, wie man einen Fisch filetiert. Ich glaube, wir haben begonnen … – und in die Küche zurückkehren.

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Megatrends und Marktforschung statt Generation XYZ

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Generationsmodelle kommen so selbsterklärend daher. Aber sie sind gefährlich: Wir tauschen die Realität gegen simple Entscheidungshilfen ein. Ein Plädoyer für Megatrends und Marktforschung

So verlockend es ist, den Bedürfniswandel nach Generationen einzuteilen: In unserer von Beschleunigung und Individualisierung geprägten Welt reicht es nicht mehr aus, mit mittelalterlichen Holzschnitttechniken den Bedürfniswandel der Menschen zu beschreiben. Die sich wandelnden Präferenzen zu Arbeitgeberleistungen, mehr Flexibilität oder sinnvolle Arbeit sind beispielsweise ein gesamtgesellschaftlicher Trend und keine Eigenart der 20- bis 30-Jährigen.

Diejenigen, die eine sich herauskristallisierende Generation X, Y, Z oder Mickey Mouse oder Golf verkünden, suggerieren damit, dass es ein, zwei Grundideen gibt, die Menschen in einem bestimmten Altersschnitt (in der Regel maximal 20 Jahre) definieren. Sie bieten ein einfaches Bezugssystem an, das den berühmten human touch hat und mit dem sich jeder (zumindest jeder in der thematisierten Alterskohorte) identifizieren kann. Marktforschung ist dagegen mühselig und staubtrocken, da sie in der Regel aus der Gegenwartsverhaftetheit nicht herauskommt.

Statt Hammer und Meißel für hölzerne Zielgruppentypologien brauchen wir vertiefte Einsichten in den Wandel von Lebensstilen. »Stages, not Ages«, Lebensphasenmodelle statt starrer Generationenarithmetik. Belastbare Analysen darüber, wie sich Lebensphasen angesichts von demografischem Wandel, Globalisierung und Digitalisierung verändern. Kurz: Wir brauchen wieder mehr grundsolide Marktforschung. Generationsmodelle sind trügerische Entscheidungshilfen. Sie suggerieren, dass es im 21. Jahrhundert noch möglich ist, Menschen über den groben Leisten einer intuitiven Zeitgeistidee zu schlagen. Und sie lenken von anspruchsvolleren Fragestellungen ab: wie wir das Verhältnis von Mensch und Maschine in der Arbeitswelt der Zukunft verantwortungsvoll definieren, wie wir eine flexiblere Arbeitswelt konstruieren können, wie wir Diversität produktiv machen können und wie wir durch den Technologie-Boom endlich wieder den gesellschaftlichen Reichtum steigern können.

Jetzt haben wir angeblich die Generation Y, die Millennials (Jahrgang 1980 und jünger), wir hatten die Generation X, also die Baby Boomer, und seit ein paar Jahren auch die Generation Z der Ende der 1990er Jahre Geborenen. Generationsmodelle boomen, denn das Management hat immer weniger Zeit und braucht schnelle Entscheidungsgrundlagen. Auch das ist den Herstellern der Generationen-Holzschnitte natürlich bewusst, sie bedienen den Markt gerne. Speziell in den Human-Resources-Abteilungen (früher: Personalabteilung) sind die übergeneralisierten Generationsmodelle gerade sehr en vogue. Die Generation Y, so wollen uns ganze Berge von Publikationen weismachen, hat einen völlig neuen Begriff von Arbeit ins Spiel gebracht. Schaut man sich die süffige Y-Literatur ein bisschen genauer an, besteht dieser neue Arbeitsbegriff angeblich darin, dass man nicht mehr so viel, dafür aber sinnvoller arbeiten möchte.

Ironischerweise lassen sich in Zeiten des Internets natürlich für alles, was mit »Zeitgeist« zu tun hat, Gegenargumente und Konterzahlen finden. Ein kleine Kostprobe: Macht man sich auf die Suche nach der wählerischen und sinnverliebten Generation Y, trifft man schon auf der ersten Google-Seite auf die bekannten Zuschreibungen: Geld, materieller Besitz, ein großes Mantra der Generation Y, ersetzen sie angeblich durch „NOwnership“. Liest man dagegen die Studie von Orizon, geben die Y-Menschen als beliebte Automarken BMW, Porsche und VW an. Sharing statt Besitz? Die repräsentative Studie (2051 Arbeitnehmer und Jobsuchende zwischen 16 und 65 Jahren) weist aus, dass für die sogenannte Generation Y mit 49 Prozent Zustimmung »Gute Bezahlung und flexible Arbeitszeiten« in erster Linie wichtig sind. Das bestätigt sich auch bei der Frage nach dem bevorzugten Arbeitgeber, denn es sind keineswegs die Unternehmen, die die Welt retten wollen, welche besonders geschätzt werden, sondern: der Öffentliche Dienst.

Ähnliches hat Jessica Kriegel in ihrem Buch »Unfairly Labeled: How Your Workplace Can Benefit From Ditching Generational Stereotypes« herausgefunden: Die angeblich in trennscharfe Milieus aufgeteilte Generationen unterscheiden sich bei genauerem Hinsehen kaum. Jessica Kriegel, die als Organisationsberaterin bei Oracle arbeitet, hat herausgefunden, dass die einzelnen Altersgruppen mehr vereint als unterscheidet: Befragte aller Altersklassen erwarten von Arbeitgebern in erster Linie sichere Jobs, leistungsgerechte Bezahlung und flexible Arbeitszeiten, sie legen auf kurze Anfahrtswege Wert und wollen Abwechslung im Beruf.

Der Bielefelder Sozialforscher Klaus Hurrelmann spricht sogar von der »Macht der Knappheit« bei ihnen, da die jetzt in Führungspositionen wachsende Alterskohorte deutlich weniger verdient als ihre Vorgänger. Der »Guardian« hat kürzlich die Gehaltsdatenbank LIS durchforstet und dabei festgestellt, dass die Millennials weltweit immer mehr vom Reichtum der Industrienationen ausgeschlossen bleiben. Noch vor 30 Jahren verfügten die jungen Erwachsenen über ein Einkommen, das über dem Gesamtdurchschnitt des jeweiligen Landes lag. Heute liegt der Betrag, der ihnen für den privaten Konsum zur Verfügung steht, aber bis zu 19 Prozent unter dem Landesdurchschnitt.

Doch offenbar sollen uns die Generationsmodelle vor etwas bewahren. Was kaschieren sie? Ich glaube, sie dienen als Beruhigungsnarrativ, mit dem Entscheider und Marketeers über den turbulenten Wandel, der gerade stattfindet, hinwegsediert werden sollen. Dieser Wandel ist gekennzeichnet durch wachsende Ungleichheit (zwischen Arm und Reich, zwischen Ethnien, einzelnen Bevölkerungsgruppen und Alterskohorten).

Ich halte es für problematisch, einen gesellschaftlichen Wandel hinter hochallgemeinen Stereotypen zu verstecken. Ich möchte  zwar auch nicht generell für die oft altbackene Marktforschung eintreten. Aber seriöse Konsumentenbefragung und -studien liefern hinreichendes Material, um einen Bedürfniswandel in der Gegenwart fassbar zu machen.

Damit solche Daten jedoch zu verwertbaren Erkenntnissen führen, müssen sie mit den großen Veränderungsbeschleunigern unserer sozioökonomischen Welt in Beziehung gesetzt werden: Technologietrends, Gesellschaftstrends und – last but not least: Megatrends.

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Megatrend »Neo-Urbanität«: Städte als Treiber von Wertschöpfung und Integration

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Städte galten im 20. Jahrhundert als ein schwarzer Moloch, in dem sich Gewalt, Entfremdung und Anonymität konzentrieren. Im 21. Jahrhundert werden die Metropolen zu Leuchttürmen einer neuen nachhaltigen Wachstumsökonomie avancieren. Aus den Paradebeispielen für ökonomischen Egoismus und ökologische Achtlosigkeit werden moderne Soziotope für eine vernetzte Nachhaltigkeitsavantgarde. Die Wege dahin sind eigentlich ganz einfach und vielversprechend.

Schon in den kommenden Jahren werden die Städte zu einem sozialpolitischen Anker werden und die verlorenen Bindekräfte der klassischen Institutionen (Staat, Religion, Politik, Recht) ersetzen. Ihre wirtschaftliche Ausnahmestellung ist ohnehin bereits heute unumstritten. Laut dem »Global Metro Monitor« sorgen die 300 wirtschaftlich am schnellsten wachsenden Städte auf dem Globus für fast die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Ein Drittel dieser Städte gehört zu den Wachstumstreibern Nummer eins der jeweiligen Länder. Gelingt der Sprung in die digital-ökologische Moderne, dann werden Städte zum Epizentrum für eine neubürgerliche Kultur und alternative Formen der Wertschöpfung.

In Städten lässt sich realistisch planen
Städte bieten überschaubare Planungszeiträume. Die Trendentwicklungen von Staaten und größeren Wirtschaftsräumen lassen sich immer schwerer über den Zeitraum von 20 Jahren hinaus beschreiben. In Städten ist das möglich. Städte, die ihre Zukunft in die Hand nehmen und ehrgeizige Pläne für die kommenden 20 Jahre schmieden, sind gute Städte, weil sie Veränderung anstreben und direkt in die Tat umsetzen können. Städte, die sich jetzt aufmachen und Migranten integrieren, tun das, um ihre Wirtschaftskraft zu steigern, demografische Verwerfungen zu bekämpfen, die Abwanderung der eigenen Bevölkerung zu stoppen und neue Bindungskräfte vor Ort zu schaffen. Zukunftsfähige Städte haben immer eine Mitte, einen Kern (kein entmischtes Zentrum), »downtown« gibt es nicht nur Geschäfte und Restaurants, auch in den zweiten und dritten Etagen der Stadthäuser brennt abends das Licht, weil Menschen die Stadtmitte wieder bewohnbar empfinden. Städte mit Zukunft haben eine positive Vergangenheit, die von den Bewohnern erzählt wird, um daraus Hoffnung für die Gegenwart zu schöpfen. Oder sie erzählen die emotionale Geschichte der Wiedergeburt, wie in Pittsburgh oder Detroit zu beobachten.

Zukunftsfähige Städte machen Wissen produktiv
Städte, die den Aufbruch in die Zukunft wagen, bemühen sich entschlossen um Bildung. Das heißt nicht nur, die »Starken zu stärken« (ein merkwürdiger Slogan in der bundesdeutschen Bildungsdebatte), sondern auch »Bildungsversagern« (durch Schulkooperationen mit Unternehmen) eine zweite Chance zu geben. In den USA und immer mehr in Deutschland zeigt sich, dass die Zusammenarbeit mit forschenden Hochschulen für Städte innovationsstiftend ist. Aus den Hochschulen gehen Start-ups hervor, die Wohlstand und Erneuerung für die Stadt garantieren (was früher Häfen oder Flussgabelungen leisteten). Hierzulande steht ein wachsender Bildungsstandort wie Heilbronn (aber auch Darmstadt und Erlangen) für den Aufbruch aus einer industriellen Monokultur zu einem Wissensstandort.1
Public Private Partnerships sind ein entscheidender Hebel, mit dem Städten neues Leben eingehaucht werden kann: Unternehmen unterstützen Bildungsangebote der Städte und ziehen dabei kompetente Mitarbeiter heran.

Ho-Chi-Minh-Stadt weist den planerischen Weg
Städte (nicht nur die Metropolen) entwickeln dann unwiderstehliche Anziehungskräfte, wenn sie in der Lage sind, Megatrendentwicklungen wie urbane Mobilität zu antizipieren. Ein ermutigendes Beispiel ist Ho-Chi-Minh-Stadt: Die größte Stadt des boomenden Vietnams treibt weitsichtig und mit Hochgeschwindigkeit den Bau seines öffentlichen Personennahverkehrs voran.2 Warum? Weil die vietnamesische Mittelschicht gerade von der Zweirad- auf die Vierradmobilität wechselt. Bislang sind die Menschen in Ho-Chi-Minh-Stadt zu 60 bis 65 Prozent mit dem Motorrad unterwegs. Bevor sie jetzt auf die bequemeren Pkw umsteigen und den Verkehrsinfarkt komplett machen, möchte ihnen die Stadtregierung den ÖPNV (öffentlicher Personennahverkehr) schmackhaft machen. Vietnam antizipiert die anstehende Ära der postfossilen Energie- und Mobilitätsmärkte. Automobilität wird also auch in den neuen Tigerstaaten und Megacities Asiens kein Zukunftskonzept mehr sein.3

Urbanität 4.0 – Städte als Labore des digital-ökologischen Aufbruchs
Natürlich sind auch Digitalisierung, Vernetzung und Internet der Dinge für Städte mit Zukunft entscheidende Problemlöser. In den Städten Westeuropa hat sich die Anzahl der Staus zwischen 2006 und 2010 verdoppelt. Die Kommunikation einzelner Fahrzeuge miteinander auf Basis des Internets der Dinge schafft ein intelligenteres Verkehrsmanagement (Smart Traffic). Das »Schwarmverhalten« von Fahrzeugen kann gemessen und prognostiziert und durch die Rückkopplung mit dem Verkehrsmanagementsystem nachhaltiger gesteuert werden. In New York City hat Microsoft vor kurzem ein Monitoringsystem installiert, das Schussgeräusche bis auf 25 Meter genau verorten kann. Das System unterscheidet erfolgreich zwischen schlagenden Autotüren, Alltagsgeräuschen und Waffengebrauch und unterrichtet die New Yorker Polizei innerhalb von sechzig Sekunden. Ein anderes Beispiel: Durch moderne Vernetzung – das hat eine aktuelle Studie der Climate Group ergeben – lassen sich für Städte und Kommunen 80 Prozent des momentan für Straßenbeleuchtungen aufgewendeten Stroms einsparen.

Neue Technologien und simple Maßnahmen machen Städten zu Laboren des digital-ökologischen Aufbruchs. Die Journalisten James und Deborah Fallows sind in einer einmotorigen Maschine mehr als 80000 Kilometer durch die USA geflogen und haben Städte, Orte und Kommunen besucht, in denen sich ein neuer Aufbruch abzeichnet. Ein wichtiges Kriterium für eine erwachende Stadt war, dass sie über eine oder möglichst mehrere »Craft Breweries« verfügten. Bis 2012 waren diese kleinen Mikrobrauereien in Mississippi und dem streng gläubigen Utah noch verboten. Mississippi erlaubte bis vor Kurzem nur Biersorten bis maximal fünf Prozent Alkoholgehalt, Mikrobrauereien liegen mit ihren Produkten häufig deutlich darüber. Mittlerweile stehen sie für ein dynamisches Unternehmerumfeld und eine junge Generation, die gerade in städtischen Räumen nach neuen Werten und Lebensqualitäten sucht. Die inneren Zusammenhänge zwischen Craft Breweries und modern-ökologischem Aufbruch können die Fallows nicht erklären. Aber sie sind fest davon überzeugt, dass es welche gibt.

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Arbeiten nach dem Ende der Arbeitsgesellschaft

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Vier Trends, die unsere Arbeitswelt von morgen prägen werden:
Es wird deutlich immer mehr Selbstständige und Zwangsselbstständige geben.
Die Automatisierung der Arbeit verlangt von uns, dass wir bis 2040 den Kapitalismus neu erfinden müssen.
Frauen in Führungspositionen kurbeln signifikant die Gewinne eines Unternehmens an.
Schon jetzt zeigt sich, dass wir ernsthaft über das bedingungslose Grundeinkommen reden müssen.

Die Zahl hat sich zum internationalen Gassenhauer der Bedenkenträger und Apokalyptiker entwickelt: In den nächsten zehn Jahren könnten mehr als ein Drittel unserer Jobs1 an den Automatisierungstrend und an die Roboter verloren gehen. Doch da im Moment populäre Gassenhauer (Apokalypse-Szenarien) besonders gut funktionieren, sollten wir einmal genauer hinschauen. Und wir sehen: Die Prognose stimmt einfach nicht. Hier in Deutschland und Europa wird sich in den nächsten 30 Jahren die Zahl der Arbeitsplätze nicht dramatisch verringern. Die atemberaubende Digitalisierungswelle wird erst ab etwa 2040 viele Jobs vernichten und unsere Arbeitswelt nachhaltig umkrempeln. Für 2040 und später müssen wir allerdings schon jetzt die (digitalen) Weichen stellen, um auf diese neue Arbeitswelt vorbereitet zu sein.

Vier Trends drängen sich in den Vordergrund, die wir in den kommenden Jahren im Auge behalten müssen, um Kurs auf eine humane Arbeitswelt zu halten:

1. Das Heer der Selbstständigen und Zwangsselbstständigen wächst rasant: Ihre Zahl stieg in Deutschland zwischen dem Jahr 2000 bis 2011 um rund 800.000 auf 2,6 Millionen an2. 40 Prozent der Amerikaner werden im Jahr 2020 als Selbstständige arbeiten. Digitale Arbeitsnomaden, die von jedem Punkt der Welt aus ihren Job machen können, werden dabei zum Normalfall. Unter den Flexiblen wird sich aber auch eine immer größere Zahl der unfreiwilligen, prekarisierten Selbstständigen befinden, die sich mit niederen Dienstleistungen durchschlagen. Es kursiert bereits das geflügelte Wort: »Ich muss nur 75 Stunden pro Woche für Uber Taxi fahren, um meine Miete zahlen zu können.«

2. Workreation, Hybrid Jobs und das endgültige Ende der Expertokratie: Automatisierung und das Internet der Dinge treiben eine Effizienzrevolution an, bei der auch standardisierte Wissensarbeit (Software-Programmierung, Buchhaltung etc.) immer mehr an die Maschinen delegiert wird. Beispielsweise auch auf dem Bankensektor (FinTech) werden insbesondere transaktionsnahe Dienstleistungen automatisiert. Auf der anderen Seite führt das dazu, dass auf Bankberater anspruchsvollere Beratungsaufgaben zukommen. In den USA ist bereits von »Workreation« die Rede, einer neuen kreativen Klasse, sich in vielen Berufssparten über Begriffe wie Empathie, Kollaboration, Beziehungsfähigkeit und kulturelle Achtsamkeit definiert. Arbeitsmarktexperten sprechen hier auch von »Hybrid Jobs«3: Die »Software-isierung« der Arbeit verlangt in allen Branchen erweiterte Datenkenntnisse. Die werden zukünftig jedoch vor allem darin bestehen, intelligent mit Daten umzugehen und Daten kreativ im eigenen Arbeitsumfeld zu nutzen. Um die neue Produktivkraft Information tatsächlich zum Weinberg_3DWertschöpfungsfaktor zu machen, braucht es weniger Experten, sondern Strategen, die das »Big Picture« vor Augen haben. Und dieses »Big Picture« wird darüber hinaus in fächerübergreifenden Teams erarbeitet, und nicht in nach außen abgeschlossenen Fachabteilungen (so argumentiert übrigens auch Ulrich Weinberg in seinem aktuellen Buch Network Thinking. Was kommt nach dem Brockhaus-Denken).

3. Von der feminisierten Arbeitswelt zur weiblichen Wertschöpfung: Softskills machen in den kommenden Jahren also den Unterschied. Die »Feminisierung der Arbeitswelt« wird dadurch weitergehen. Zumal es erste Forschungen gibt, die belegen, dass das verstärkte Aufrücken von Frauen in Leitungspositionen die Gewinne von börsennotierten Unternehmen steigert. In einer Befragung des »Peterson Institute of International Economics« in 21.980 Unternehmen aus 91 Ländern geht hervor, dass überall dort, wo 30 Prozent der CEOs, CIOs etc. von Frauen begleitet werden, die Gewinne um durchschnittlich sechs Prozent höher liegen als in von Männern dominierten Unternehmen4. Aus der Untersuchung geht ebenfalls hervor, dass dort, wo Frauen ganz oben ankommen, im weiteren Verlauf immer mehr Frauen in Führungspositionen aufrücken »Pipeline Effekt«) und so den Weg für eine andersartige Unternehmenskultur bereiten.

4. Bedingungsloses Grundeinkommen – gesellschaftlicher Reichtum nach der Arbeitsgesellschaft: Der Hype um Social Media hat wenige Unternehmer (Zuckerberg als bestes Beispiel) immer schneller immer reicher gemacht. Was wir bei diesem Siegeszug des Internets eingebüßt machen, ist indes, den Reichtum gesamtgesellschaftlich weitergegeben zu haben. Automatisierung und Robotik schlagen in genau die gleiche Kerbe und könnten diesen Prozess noch dramatisch zuspitzen. Deswegen sollten wir ab sofort in die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen einsteigen. Pilotprojekte sind mittlerweile in vielen Ländern am Start (Schweiz, Kanada, und Finnland). Ein wichtiges Versprechen dieses Ansatzes würde darin bestehen, dass die aktuell stattfinde technologische Produktivitätsrevolution gesellschaftlich umverteilt würde.

Volkswirtschaften, die in der Lage sind, ein bedingungsloses Grundeinkommen zu zahlen, drängen Menschen nicht mehr in »Bullshit-Jobs« (52 Prozent der US-Fastfood-Arbeitskräfte befinden sich zusätzlich in Beschäftigungsmaßnahmen5 und bringen sie in den Genuss von gesellschaftlichem Reichtum an Qualitätszeit und Unabhängigkeit. Die Modelle dafür sind noch nicht ausgereift. Andererseits sind wir – spätestens seit der Finanzkrise 2007/2008 für jedermann nachvollziehbar – an den Grenzen des klassischen Marktkapitalismus angelangt (der Handel mit Konsumentenkrediten ist kein Zukunftsprogramm). Bedingungsloses Grundeinkommen würde gesellschaftlich relevantes Engagement (Personenbetreuung, Stadtteilarbeit, Kultur) querfinanzieren und dabei helfen, wirksam auf die Auswirkungen eines Megatrends wie dem demografischen Wandel zu reagieren. Das Geld dafür könnte aus den Rüstungsausgaben oder einer Klima- bzw. CO²-Steuer kommen. Experten wie Paul Mason (»Postcapitalism«6) oder Nick Srnicek und Alex Williams (»Inventing the Future«7) demonstrieren, dass es nicht um sozialistische Hirngespinste geht, sondern um die zeitgemäße Anpassung der Arbeitswelt an den Status Quo unserer Weltwirtschaft.

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Superwahlsonntag, Megatrends und unsere Zukunft

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Die AfD ist zweifellos die Gewinnerin des Superwahlsonntags. Es war eine Protestwahl, in der sich die Unsicherheit vieler Menschen ausgedrückt hat. Klar geworden ist aber auch, dass die große Mehrheit der Deutschen eine konstruktive und zukunftsgerichtete Politik möchte, die die AfD mit ihrer ausschließlich aus Empörung und Vergangenheitsorientierung gespeisten Haltung nicht bieten kann. Zukunft kann diese Partei der Frustrierten nicht!

Um einer weiteren Radikalisierung vorzubeugen und den konstruktiven Kräften in der deutschen Politik Rückenwind zu verleihen, müssen wir jetzt Klarheit darüber schaffen, wohin unsere Reise geht. Megatrends sind der Schlüssel dazu. Sie definieren die Handlungsfelder, die zukunftsentscheidend sind. Das Erkennen und Produktivmachen von Megatrends setzt Verzagtheit, Empörung und Vergangenheitsorientierung die Möglichkeit eines konstruktiven Umgangs mit den Herausforderungen der Zukunft entgegen. Der Ausgang der Wahlen am Superwahlsonntag ist ein klarer Appell für eine noch intensivere Auseinandersetzung mit den großen Trends, die unsere Zukunft bestimmen werden.

In der AfD versammelt sich seit einiger Zeit der gesunde Menschenverstand der Freien Wählergemeinschaft – auf Speed. Dass wir uns angesichts der populistisch-demagogischen Provokation entschlossen zu unserer Demokratie bekennen müssen, halte ich für eine Chance. Die Chance einer »neuen Politisierung«1, die Menschen stärker zur Teilhabe auffordert und an demokratische Prozesse bindet. Das Wahlergebnis hat (bei gestiegener Wahlbeteiligung) gezeigt, dass 85 Prozent der Deutschen, wie die TAZ titelt, »cool geblieben« sind – trotz Zuwanderungsthematik, Euro-Krise und einer veränderten Sicherheitslage aufgrund der russischen Aggression in der Ukraine. Die »kleine Bundestagswahl« am Sonntag hat auf subtile Weise den Kurs der Kanzlerin bestätigt. Und alle politischen Akteure, die klar ihre Haltung artikuliert haben (nicht die CDU, nicht die SPD und nicht die Linke), wurden belohnt.2 Klar ist auch: Wir haben eine neue politische Arithmetik. Es ist sinnlos geworden, zwischen Links und Rechts zu unterscheiden. Der Hype des (Rechts-)Populismus hat die Kategorien final durcheinandergewirbelt. Wir müssen in vielem von vorne anfangen. Und das heißt, den Wähler neu verstehen lernen: Heimatliebe ist weder links noch rechts, Naturliebe ist weder links noch rechts – Zukunftsangst beschleicht nicht nur die unteren Schichten, sondern längst auch den gut ausgebildeten Mittelstand.

Links- und Rechtsdenken hilft nicht mehr weiter
Genauso in der Technologie: Verbirgt sich hinter dem Internet eine linke oder eine rechte Gesinnung? Ursprünglich war die Erfindung des weltweiten Netzes ein linkes Projekt. Steve Jobs war ein von ökologischen Gedanken getriebener Weltverbesserer (Whole Earth Catalogue3). Mittlerweile erübrigt sich die Frage: Wir schätzen die Potenziale des globalen Netzes, haben aber auch lernen müssen, dass es sich hervorragend dafür eignet, menschenfeindlichen Populismus und Verschwörungstheorien an den verstörten weißen Mann zu bringen. Bei Google ist das nicht anders: auf den ersten Blick ein globaler Problemlösungskonzern – schaut man indes genauer hin, offenbaren sich bei dem Werbegiganten totalitäre Weltbeherrschungsphantasien. Google schwenkt immer mehr auf einen »Solutionismus« (Morozov) ein, der für alles einen Erlösungsalgorithmus zu haben verspricht. Google ist so gesehen nichts anderes als der Versuch, mit Daten und Technologie Social Engineering zu betreiben und das Unperfekte, Hinfällige und Allzumenschliche in unserer Gesellschaft »auszulöschen« (wer genau hinhört, erkennt das Vokabular des Unmenschen). Auch diese Technologie-Szenarien einer von menschlichen Makeln gereinigten Welt haben viele unserer »Wertebewahrer« dazu geführt, mit einem rechtsradikalen Sponti-Projekt wie der AfD anzubandeln. So erwuchs in den vergangenen fünf Jahren aus gutbürgerlichen Parteigängern der Freien Wählergemeinschaften das Erregungspotenzial für die menschenverachtende Politik der AfD. Dass ausgerechnet in den gutbürgerlichen Milieus (und beschleunigt durch die Direktheit des Internets) gerade wieder einfache Lösungen propagiert werden, sollte uns also nicht wundern. Dass aber angeblich wieder vieles nach »1933« und »Weimarer Verhältnissen« riecht, halte ich für komplett übertrieben. »Die Geschichte wiederholt sich nicht, es sei denn als Farce«, das hat Karl Marx gesagt und das sagt mittlerweile auch die Kanzlerin. Die Wahl von gestern hat gezeigt, dass es in Deutschland eine verlässliche demokratische Basis gibt, die wir brauchen, um den Aufbruch in die Zukunft zu meistern. Dass der Neonationalismus eher komödiantische Figuren hervorbringt, können wir an Björn Höcke, Donald Trump und Alexander Gauland ablesen.

AfD nicht wichtiger nehmen als sie ist
Wir haben die Freiheit, die AfD und den erstarkten Rechtsradikalismus in unserem Land aktiv zu bekämpfen. Wir sollten das mit argumentativer Konsequenz und demokratischer Gelassenheit tun. Noch ist überhaupt nicht entschieden, ob die AfD bis 2020 überhaupt eine Rolle spielen wird. Die Republikaner (die es übrigens immer noch gibt) erzielten 1992 bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg 10,9 Prozent. Dann wurden die Asylgesetze verschärft und die Protestparty wanderte unter die Sonstigen. Politclowns wie Höcke und Frustrierte wie Frauke Petry haben in der Regel eine sehr begrenzte Halbwertzeit, sie lassen ihr Spielzeug schnell links liegen, wenn nach anfänglicher Euphorie die Mühen der (parlamentarischen) Ebene dräuen (denken wir nur an einen weiteren Volkstribun und Politclown wie Ronald Barnabas Schill, zwischen 2001 und 2003 Zweiter Bürgermeister und Innensenator Hamburgs). Wie kommen wir vom Superwahlsonntag in die Zukunft? Wir dürfen uns von der »Umwertung aller Werte«, die angeblich gerade stattfindet, nicht den Blick nach vorne nehmen lassen. Was wir erleben, ist eine längst fällige Generalinspektion unserer Wahrheiten und Überzeugungen. Sie ist wichtig und darf nicht abgewürgt werden. Wir müssen jetzt um das zukünftige Betriebssystem unserer Gesellschaft streiten, erstens, weil der Rechtsruck uns dazu zwingt, zweitens, weil wir diese Grundsatzdebatte mit ein wenig Geschick produktiv nutzen können.

Die Megatrends weisen den Weg in die Zukunft
Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt haben gezeigt, dass nur eine Minderheit im Lande auf die einfachen Parolen hereinfällt. Statt aus Ängstlichkeit (und Saturiertheit) heraus Neues und Fremdes abzuwehren, müssen wir die Notwendigkeit von Veränderung endlich anerkennen. Und wir müssen uns für Jahre der radikalen Transformation rüsten. Es sind vor allem 15 Megatrends, die in den nächsten Jahren die Gestalt unseres Lebens, unserer Bildungssysteme, Institutionen und Märkte prägen werden4. Der demografische Wandel ebenso wie die Energiewende, die Klimaherausforderung (die auch nach 2030 für starke Migration in unserer Welt sorgen wird) ebenso wie die Digitalisierung, das Entstehen neuer Familienformen ebenso wie neourbane Lebenswelten, unsere multipolare Weltordnung (die das Migrationsphänomen ebenfalls mit hervorgebracht hat) wie auch neue Arbeits- und Lernwelten. Die Zukunftsregel lautet: Wir können uns Megatrends nicht entziehen. Sie kündigen sich an, sie kommen auf uns zu und verlangen (bezogen auf unser eigenes Leben, wie auch auf Wirtschaft und Gesellschaft) eine konstruktive Reaktion von uns.

Das digital-ökologische Zeitalter kommt
Wir stehen an der Wende zu einem neuen Zeitalter. Die Konturen für einen lebenswerten und zukunftsbejahenden Wandel sind erkennbar. Der Rechtspopulismus hat bislang von dem diffusen Bauchgefühl profitiert, dass da etwas Neues auf uns zukommt, das wir womöglich nicht beherrschen können und das uns in unserer Lebensweise in Frage stellen könnte. Die Megatrends weisen uns den Weg nach vorne. Wir gehen in das Zeitalter einer digitalen Nachhaltigkeitsgesellschaft. Unser Wohlstand und der der ganzen Welt sind abhängig von der Bewältigung des Klimawandels und dem Gelingen der globalen Energie- und Mobilitätswende. Digitalisierung, Internet der Dinge und alles, was wir vorläufig und ungelenk unter »Industrie 4.0« verstehen, wird uns enorme Produktivitätsschübe verleihen – aber auch die Arbeitswelt auf den Kopf stellen.

Die Große Transformation ist unvermeidlich. Klimawandel, Digitalisierung, Energiewende, multipolare Weltordnung usw. zwingen uns dazu. Aber wir müssen das mit Gelassenheit und Voraussicht tun. Das Lebenselixier des (Rechts-)Populismus ist die Skandalisierung, die Eskalation und die Erregung mangels konstruktiver Standpunkte. Wenn wir bis 2025 Energiewende und Digitalisierung zu einem Internet der Energie verknüpfen, wird die Kilowattstunde Strom weniger als fünf Cent kosten. Nur ein Prozent weniger Flugzeugbenzin durch Big Data (weniger Flugzeugwartung, optimierte Flugrouten) wird uns helfen, Einsparungen in Höhe von 30 Milliarden US-Dollar in den kommenden 15 Jahren zu erzielen. Laut General Electric wird die Kostenreduzierung auf dem weltweiten Gesundheitssektor durch Big-Data-Feedbacks und Automatisierung pro Jahr rund 100 Milliarden US-Dollar betragen. Ja, der digital-ökologische Aufbruch wird ein radikaler Wandel sein, was dazu führt, dass wir in zehn Jahren mindestens ein Viertel weniger Autos auf unseren Straßen haben werden.

 

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Die Welt im Jahr 2030: Fünf Szenarien

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Die Welt ist aus dem Gleichgewicht geraten. Was wir jahre-, ja jahrzehntelang als »Krise des politischen Systems« in Talkshows und Oberseminaren abgehandelt haben, beginnt den inneren Frieden zu gefährden und die Idee Europa zu kippen.

Unsere Welt, diesen Eindruck haben viele von uns seit einiger Zeit, ringt um eine neue Balance. Dafür braucht es Ideen statt Angst, Zukunftsmut statt Demagogie, kühne Konzepte statt Desinformationskriege, Freude an der Vorwärtsplanung statt dumpfem Rückgriff auf Nationalismus und Diskriminierung.

Dass die so genannte Querfront, die Koalition zwischen Putins Propagandabrigaden und den europäischen Rechtsradikalen, allen voran die Front Nationale und die AfD, dabei eine wichtige Rolle spielt, möchte ich hier außen vor lassen. Wir haben in den vergangenen Wochen versucht, ein Big Picture über die großen geostrategischen Linien der kommenden Jahre zu entwickeln. Herausgekommen sind dabei fünf Szenarien, die unsere Welt im Jahr 2030 beschreiben. Zwei Grundursachen liegen der aktuellen Fundamentalkrise zugrunde: 1. Die Bindungskräfte zwischen Bürger, Gesellschaft und Staat sind seit den 1990er-Jahren dramatisch geschwunden. Vertrauen in Institutionen wie Verwaltung, Rechtsprechung, Bildung und Politik muss in vielen Regionen komplett neu hergestellt werden. 2. Die Menschen sehnen sich nach mehr sozialem Zusammenhalt. Die Einbindung der Zivilgesellschaft in nationales und übernationales Handeln muss deshalb gestärkt werden.

Wir möchten mit diesen Szenarien aktuelle Trends und Einflüsse beschreiben, sie bewusst auch überzeichnen. Wir beharren mit den Szenarien für die »Welt im Jahre 2030« nicht auf Vollständigkeit. Die Szenarien überlappen sich in vielen Aspekten auch. Das sind bewusst in Kauf genommene Unschärfen. Uns geht es darum, anhand der fünf Szenarien Tendenzen aufzuzeigen, die von uns Antworten fordern, um Megatrend-Anforderungen wie Multipolare Weltordnung resp. Migration, Klimawandel, Alterung der Gesellschaft und Digitalisierung bewältigen zu können. Zwei der fünf  Szenarien stellen wir Ihnen vor. Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen MEGATRENDS! März Ausgabe.

Der Klimawandel als einigende Weltaufgabe: Foto: Jay Mantri (CC0, http://jaymantri.com/post/113450670903/download) Eines von fünf Szenarien für die Zukunft

Der Klimawandel als einigende Weltaufgabe: Foto: Jay Mantri (CC0, http://jaymantri.com/post/113450670903/download)
Eines von fünf Szenarien für die Zukunft

Klimawandel als einigende Weltaufgabe
Es gibt in der aktuellen Lage durchaus Anzeichen dafür, dass wir in den kommenden Jahren – bei allen Enttäuschungen und populistischen Störfeuern – schnell wieder einen globalen Konsens finden. Der könnte sich um die Jahrhundertaufgabe Klimawandel zentrieren und dazu beitragen, dass wir die Transformation in eine Multipolare Balance-Welt schaffen. Nach der Bewältigung der Flüchtlingskrise der Jahre 2016 bis 2020 findet die Weltgesellschaft eine neue Wertorientierung – in erster Linie durch die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens. Eine geläuterte EU und ein Russland, das neue Perspektiven jenseits seines Energiegeschäfts dringend nötig hat, definieren eine erwachsene, paneuropäische Vernunft-Partnerschaft.

Renaissance der starken Männer
Genauso wahrscheinlich ist augenblicklich aber auch ein weiteres Vorandrängen neoautoritärer Staaten. Russland hat dieses Szenario in den vergangenen fünf Jahren besonders geprägt, ist beileibe jedoch nicht der einzige Staat, der die gefühlte und tatsächliche Entwurzelung der Menschen, wachsende Ungleichheit und globalen Vertrautheitsschwund dazu nutzt, um sich als starker Staat zu profilieren. Neo-autoritäre Staaten wie in Indonesien, Malaysia oder auch in China überzeugen ihre braven Bürger künftig mit dem Versprechen, dass enge nationale Interessen konsequent vertreten werden. Die Sehnsucht nach Identität wird in dieser neoautoritären Situation durch Abschirmen nach außen und Durchgreifen nach innen sichergestellt.

Wie gesagt, wir begreifen unsere Trendanalysen und Szenarioproduktionen nicht als Vorhersagen, sondern als pointierte Untersuchungen dessen, was sich in sichtbaren Debatten und Konflikten als Hidden Agenda für die kommenden Jahre abzeichnet. Wir sehen uns insofern als vorwärtsgerichteter Advocatus Diaboli. Zukunft lässt sich nicht vorhersagen. Auf der Basis unserer Megatrends lässt sich Zukunft in Wirtschaft und Gesellschaft jedoch planbar machen. Um die schwierige Lage, in der sich unsere Weltgesellschaft Mitte der 10er-Jahre befindet, bewältigen zu können brauchen wir ökonomischen Sachverstand ebenso wie sozialphilosophische Phantasie. Wir brauchen ein robustes und zukunftsfrohes Transformationsdesign und möglichst viele Zukunftsagenten an einem Tisch.

Deswegen: Kommen Sie zu uns an den Tisch, erklären Sie uns, welches Szenario für Sie das Wahrscheinlichste ist. Erzählen Sie uns, was Sie gerade tun, um die Welt auf konstruktive Weise voranzubringen. Diskutieren Sie mit uns, wie Ihre Zukunftsagenda für die kommenden Jahre aussieht. Egal ob in Unternehmen oder Institutionen, in Technologie oder Gesellschaft, in welchen Branchen und auf welchen bürokratischen Ebenen auch immer, starten Sie mit uns den Dialog über unsere Welt im Jahr 2030.

Wir laden Sie herzlich dazu ein!

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